„Seit heute bin ich Palästinenserin“

Lotte an ihrem Schreibtisch im „Palestinan Post Departement“ in Jerusalem, 1942

Ich schwebe in einem Heißluftballon über den Alpen. Mein Handy klingelt. „Wer? Ich verstehe so schlecht…“  Mein Freund Gabi aus Tel Aviv ist dran und brüllt ins Telefon: „Kannst du kommen? Lotte ist tot. Es gibt eine unglaubliche Menge Papier, alles deutsch. Ich kann das nicht lesen.“ ….

Ich nehme den nächsten Flieger. Tante Lotte, die Schwester von Gabis Vater Hans und alle(s) kontrollierendes Familienoberhaupt, ist gestorben, ein paar Monate vor ihrem 99. Geburtstag. Geboren 1910 in Berlin, besser gesagt: bei Berlin, Charlottenburg und Wilmersdorf wurden erst zehn Jahre später eingemeindet. Lotte, eigentlich Charlotte, ist die Tochter des Bankiers Georg Bonwitt und von Grete (Margarethe) Israel aus der Pariser Straße 20. Sie hat zwei Brüder: Walter und den schon erwähnten sieben Jahre jüngeren Hans. Ihn wird sie bis zu ihrem letzten Tag „gängeln“, am Telefon, mit ihrer sonoren, Respekt einflößenden Stimme – einmal kleiner Bruder, immer kleiner Bruder, auch wenn der 93 ist. 

Lotte und Hans Bonwitt

Lotte ist 1934 in das Mandatsgebiet „Palästina“ eingewandert, ein knappes Jahr nach ihrer Mutter Grete und den Brüdern (der Vater, Georg Bonwitt, war 1932 gestorben und liegt auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee). Zuletzt hatte sie eine Zwei-Zimmerwohnung in Jerusalem, im Elternheim „Nofim“ – „Ausblick“ (der ist tatsächlich atemberaubend). Die Möbel sind aus den 60er-Jahren, an den Wänden Holzschnitte und japanische Druckgrafiken, in beiden Zimmern große Bücherregale – die typische Jeckes-Ausstattung in Israel: vor allem deutsche und englische Taschenbücher aus der Zeit nach dem Krieg, reichlich Wörterbücher, Bildbände, Kunstbücher und Publikationen des Berliner Senats. Niemand wird so etwas kaufen oder auch nur geschenkt haben wollen. Die Vorkriegsliteratur, ebenfalls typisch: Drei Dutzend der hübsch gestalteten Inseln-Bändchen, ebenso viele aus Schockens „Jüdischer Bibliothek“ bis 1938 und dann das, was alle hatten, in Leder und mehreren Bänden: Shakespeare, Heine, Grillparzer, Schiller, Meyers Konversationslexikon, zusätzlich noch Boccaccio und ein paar kleine Bändchen Mörike, Kästners Lyrische Hausapotheke, eine Erstauflage Thomas Manns von 1928. Das soll er aufheben, sage ich zu Gabi. Den Rest: weg!

Ich habe mir schmales blassgrünes Büchlein als Andenken ausgesucht, es steht seitdem wie ein Foto mit der Frontseite in einem meiner Bücherregale: „103 Gedichte von Joachim Ringelnatz“„gewidmet Frau Asta Nielsen“, gedruckt 1933 bei Rowohlt in Berlin, 1.–10. Tausend. Als Lotte das Buch mitgenommen hat, war es gerade erst erschienen. Da ist „Ich hab dich so lieb! / Ich würde dir ohne Bedenken / Eine Kachel aus meinem Ofen / Schenken“ drin (das 1928 schon mal gedruckt worden war) und erstmalig „Überall ist Wunderland / Überall ist Leben / Bei meiner Tante im Strumpfenband / Wie irgendwo daneben….“. „Bei meiner Tante im Strumpfenband“ – ausgerechnet! Nun freue ich mich doppelt über den eher zufälligen Griff.

Die liebe Tante Lotte hat buchstäblich alles aufgehoben – vom Entschuldigungszettel für die Schule von 1926 und Wunschlisten für den Weihnachtsmann („Rad, wenn Rad nicht, dann Uhr, wenn Uhr nicht, dann Photo-Apparat“), über Geburtstagsgrüße aus England von 1944 bis zu kleinen Liebeskassibern diverser Boyfriends, die ersten aus den 20er-, die letzten aus den 50er-Jahren. Unter anderem gab es da einen Robert, der 1933 für eine deutsche Firma in Russland arbeitete, in Tuapse und Novorossisk, und ihr Briefe nach Berlin schrieb, mit sowjetischen Briefmarken und Aufdrucken. Ist „es vielleicht so, dass du mich noch ein bißchen liebst? Ich schreibe von ›noch‹, hast du mich denn jemals überhaupt geliebt. Oder bist du immer noch in Günter M. verknallt?“  Von Günter gibt es passenderweise auch einen kleinen Zettel, auf dem er sich beschwert, dass Lotte sich nicht meldet und er Sehnsucht habe. Immer wieder muss man sich vorstellen, dass sie all diese Papierchen mit in die Emigration geschleppt hat… und dass wahrscheinlich seit 80 Jahren niemand sie mehr gelesen hat.

Die ältesten Briefe stammen von 1923. Geschrieben hat sie ihre damals ebenfalls 13-jährige Schulfreundin Erika Horwitz, die mit ihren Eltern in die USA ausgewandert ist, erst von „irgendwo auf dem Ozean“, dann aus New York. Die Schrift ist noch kindlich, die Briefe sind anrührend, Amerika findet sie „ekelhaft“ und „horrible“, es gäbe keinen Schnee, die Schule sei zu schwer, die Häuser zu hoch, sie sehne sich danach mit Lotte den Weihnachtsbaum zu schmücken und sie spare heimlich auf eine Reise nach Deutschland, „in vier Jahren, wenn ich die Penne fertig habe“. Anrührend, bis dann Erika anfängt über „all die Neger hier“ herzuziehen, „das sind scheußliche Geschöpfe“ und „Gott sei Dank haben wir eine deutsche Küchenmagd“.

Papiere aus der Schulzeit gibt es einige. Zeugnisse, die Sitzordnung in Lottes Klasse, mehrere Tadel, unter anderem einer der Cecilienschule, Studienanstalt und Lyzeum zu Berlin-Wilmersdorf: „Ihre Tochter Charlotte wurde von mir getadelt, weil sie in der Pause nicht auf den Hof gegangen ist. Mit vorzüglicher Hochachtung, Mommsen-Krüger. 26.11.1928“. Der Vater Georg Bonwitt hat die Mitteilung, wie erbeten, gegengezeichnet.
Lotte hat auch drei Poesiealben aufgehoben, immer sind nur ein paar Seiten gefüllt, mit Sinnsprüchen und Illustrationen. Die Schulfreundinnen („in allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“), Tanten und Onkel haben sich verewigt. Der bedeutendste Eintrag ist wohl der des Malers Hermann Struck, der bald nach Palästina gehen und für Grete Bonwitt und ihre Söhne Hans und Walter, wie für viele andere deutsche Flüchtlinge ein Anlaufpunkt sein wird, als diese 1933, ohne jemand zu kennen, in Haifa ankommen.

Besonders gefallen hat mir die selbstgebastelte „Fischzeitung“ der Bonwitt-Kinder vom November 33 mit Artikeln wie „Ein junger gestorben!“ („Ärztliche Untersuchungen ergaben, dass er wahrscheinlich an Überfressung gestorben sei“). „Familienanzeigen“: „Am 20. Oktober gebar Gubbi 25 Junge, was wir sehr willkommen heißen“. – „Am Sonnabend den 18. November verschied nach langer Krankheit Gubbi im 3. Lebensjahr, was wir sehr bedauern“. Oder: „Un- und Überfälle: Vor ein paar Wochen geschah im Mittelaquarium ein furchtbarer Mord, es war ein Brudermord…“. Temperatur von heute: großes Aquarium: 22,12 Grad. – „Kleine Nachrichten: Wawil, das Futter der Kleinsten… Schneckenlaich billig abzugeben, Klumpen 20-30 Eier, 0,2 Mark“. Ausgerechnet hier findet sich auch der einzige jüdische Bezug in all den Papieren Lottes überhaupt: Das Grab des armen verstorbenen Fisch-Weibchens ziert nämlich ein Davidstern (und der Spruch „Hier ruht Gubbi, meine liebe Frau“).

Dazwischen ein BVG-Plan von 1933 (aha, das Fundbüro war in der Stresemannstraße), Postkarten mit Hindenburg-Briefmarken. Manchmal Sütterlinschrift, schwer zu entziffern. Eine Karte vom Juni 1934 trägt den Poststempel: „Bekämpft die Arbeitsnot, kauft Deutsche Waren!“. Dann die sandbraunen Standardpostkarten aus „Palestine“, roter Aufdruck in Englisch, Hebräisch und Arabisch, die Briefmarke zeigt den Felsendom. Wie normal das alles wirkt. Postkarten aus Palästina, die 1934 nach Deutschland geschickt wurden und auch noch ankommen! (Bei ihrer eigenen Auswanderung hat Lotte sie mitgenommen, so sind sie wieder in Palästina gelandet).

Es gibt ein paar weitere Dokumente: der abgelehnte Entschädigungsantrag betreffs zweier „Lichtspiel“-Häuser in der Kantstraße und in der Wilmersdorfer Straße, Lottes (Wieder-)Einbürgerungsurkunde aus Deutschland und ihre Einbürgerungsurkunde als „Palästinensische Staatsbürgerin“ vom Anfang der 40er-Jahre, einschließlich eines Briefes, in dem sie stolz verkündet: „Seit heute bin ich Palästinenserin“.

Daneben finde ich Original-Geburtsurkunden vom Anfang des 19. Jahrhunderts und 400 Jahre Familien-Geschichte, recherchiert und aufgeschrieben von Siegfried Ascher (er war mit einer Bonwitt verheiratet und ein bekannter Philatelist, von dem es in der Weimarer Zeit eine Briefmarke mit seinem Konterfei gab). In einem Brief von August 1933 schreibt Grete über ihn: Onkel Siegfried bringt es nicht fertig so wie andere plötzlich sein Personal an die Luft zu setzen … Beim Anblick seines Weinvorrates sagte er: „Den trinken wir aber noch, bevor wir raus gehen.“ … Es erfasst einen nach dem anderen … Heute habe ich einen ziemlich schwarz sehenden Brief vom Direktor des Jüdischen Museums aus Berlin zu lesen bekommen. Und zwar ist ein solcher Zustrom aus allen Ländern, dass die Wohnungen knapp und das Leben unerhört teuer wird … Wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich war eben mit Walter (Lottes Bruder) in Weissensee (auf dem Friedhof) , weil es für ihn vielleicht das letzte Mal ist.“

90 Prozent der Papiermassen in Lottes Wohnung sind Briefe. Briefe, Briefe, Briefe. Geschrieben auf durchscheinendem hauchdünnen Schreibmaschinenpapier, einzeilig, alles auf Postkartengröße gefaltet oder auf ebenso dünnen Luftpostkuverts – diese Sorte, wo Brief und Umschlag eins sind und nach dem Schreiben gefaltet und zugeklebt werden. Die Briefe hat sie eng zusammen gequetscht in kleinen Kisten aufbewahrt und wahrscheinlich nie wieder angesehen. Allein den Inhalt von den Umschlägen zu trennen und die Luftpostbriefe aufzufalten, dauert Stunden. Den allergrößten Teil davon hat Lotte selbst (sie bewahrte die Durchschläge ihrer Briefe auf) an ihre Mutter Grete oder diese an sie geschrieben. Bildpostkarten finden sich dagegen nur wenige. Eine von 1934 zeigt Tel Aviv, die Allenby-Straße auf der Höhe Shuk Hacarmel, Ecke King George – in der Mitte ein Polizist, der den Verkehr regelt (der aus drei Autos und einem Maulesel besteht). Daneben Briefbögen und Kuverts von der „The Palestine Police“, Lottes Ausweis vom „Palestinan Post Departement“ und reichlich leere Notizspiralblöcke von der „I. L. Feuchtwanger Bank Ltd.“ in Tel Aviv.

Die obsessive Korrespondenz endet 1963, dem Jahr, in dem sowohl Lottes Mutter Grete Bonwitt als auch ihr Mann Walter Lüttke sterben. Bis dahin aber: Hunderte, nein, es müssen Tausende Briefe gewesen sein. Diametral mit dem Ende der Briefflut nimmt der Umfang der Fotos zu. Die meisten werfe ich gleich weg. All diese kleinen hässlichen Fotoalben aus Plastik, in denen hunderte an Farbe verlierende, Schnappschüsse von kleinen Kindern und irgendwelchen Familientreffen stecken, an die sich niemand mehr erinnern kann. Am Ende sind es unter 100 Fotos, die bleiben. Lotte als junges Mädchen mit ihrer Klasse am Wannsee, beim Rudern, beim Zelten, beim Knutschen, in den Bergen, mit Mutter und Brüdern beim Ausflug, einige Bilder aus den Anfangsjahren in Jerusalem: Lotte mit ihrer Schreibmaschine in der Post, Lotte und ihr Bruder Walter…

Das mit den Fotos ist relativ einfach. Aber die Briefe?! Waten in Papier. Es wird immer mehr. Die auseinander gefalteten Briefe scheinen zu wachsen. Lesen im Salon, auf der Terrasse, im Bett, am Strand… Die Papierkörbe am Gordon Beach füllen sich. Darf man das? 100 Jahre Leben einfach wegwerfen. Und dann auch noch „20. Jahrhundert“! Doch wer wird das noch einmal lesen wollen, und können? 99 % der Briefe sind deutsch geschrieben, mit der Schreibmaschine, wenn sie von Lotte kommen, mit der Hand, wenn ihre Mutter Grete sie geschrieben hat. Und ebenso 99 % sind privat: „Kinder, Küche, Kirche“, wie man auf deutsch sagt, nur dass hier die Kirche fehlt und ersetzt ist durch „Schilschul“ – „Durchfall“. Ein Lieblingsthema, die Gedärme, und Krankheiten überhaupt. Und wie man am leichtesten von Jerusalem nach Haifa kommt und umgekehrt.
Mehr „Zeitgeist“ atmen die Briefe von Mutter Grete an Lotte 1933/34, als es um beider Auswanderung geht, um die Formalitäten und all die Berichte über Palästina – das Für und Wider – von Leuten, die bereits ausgereist oder zu Besuch dort sind. Denn ihrer Sache sicher sind sich die Frauen keineswegs…
Ein einziges Dokument aus dieser Zeit spricht eine ganz eindeutige Sprache über die Situation in Deutschland: Lotte hatte ein Zimmerchen in einer Datsche in Sakrow und ein Boot. Das Mitglied des Landklubs Meedehorn e.V. in Sakrow, Hans Kirsch, stellt am (sic!) 8. April 1933 den Antrag, „alle Mitglieder und Gastmitglieder, welche einer jüdischen oder fremdländischen Rasse angehören“  und solche, die „nicht auf dem Boden der nationalen Erhebung stehen“„sofort aus dem Klub auszuschließen“… Hitler Heil…

In der zweiten Jahreshälfte 1933 korrespondieren Lotte und ihre Mutter, weil Lotte über längere Zeit zu einer Kur in der Tschechoslowakei weilt, und das Klima sich deutlich geändert hat. Zwar sind immer noch Verdauung, Stuhlgang, Einläufe Thema, doch ist nun immer öfter von Auswanderung und Palästina die Rede, und dass „alle gehen“.
(1934 sind ungefähr 10.000 Juden aus Deutschland nach Palästina ausgewandert.)

12.7.1933: Von Hans hörte ich, dass Prinz (Dr. Joachim Prinz war ein bekannter, zionistisch orientierter Rabbiner in Berlin) sich geweigert hat, B. das Certificat für Palästina zu geben und zwar weil er Führer einer antizionistischen Gruppe war… Ich fürchte, wenn wir überhaupt mal abschieben, wird es Palästina sein. Aber gutes habe ich auch noch nicht von dort gehört. Es ist nur das einzige Land, wo du Geld mit hinnehmen kannst. Aber abwarten

22.7.1933: Du sagst so: verkaufe nicht! Aber ich will doch nicht mehr als zwei Zimmer haben, ich kann also auf keinen Fall alles hinstellen: der Silberschrank, das Esszimmer, eine Bibliothek, die grüne Plüschgarnitur und höchstwahrscheinlich auch das Klavier werden doch sicher dran glauben müssen. Schön, ich werde mit dem Klavier warten, weil es Dir gehört, aber vermieten ist so gut wie ausgeschlossen…

3.8.1933: Die jüdische Jugend, soweit sie noch nicht fort ist, hat sich natürlich zusammengetan und trifft sich auf dem Sportplatz des Bar Kochba, es sind aber durchweg zionistische Vereinigungen … Gräme dich jedenfalls nicht wegen Palästina. Es wird schon werden … Inzwischen sind ja auch eine Unmenge westlich kultivierter Leute ansässig.

12.8.1933: Geld darf man nur nach Palästina mitnehmen. Als die Bestimmung rauskam, meldeten sich 7000 Leute, das macht 7 Millionen Devisen. Und nun hat Walter von verschiedensten Seiten gehört, dass es höchste Eile ist … Die Tochter von Frau Neumann hat gesagt, auf ihrer Hochzeitsreise durch Pal. hätten sie festgestellt, dass es da schöner wäre als an der Riviera … Aber wenn ich es tue: nur Euretwegen. Denn darüber sind sich alle einig: die Chancen für die Jugend sind null.

18.8.1933: Affentheater… Ich war beim englischen Konsulat. Ich komme nur mit dem minderjährigen Hans rein und dich (weil schon volljährig) müssen wir versuchen, dann „anzufordern“. … Inzwischen ist es aber gar nicht ausgeschlossen, dass Du drüben etwas fürs Herz findest, denn es ist das einzige Land, wo Frauen knapp sind und da die ganze jüdische Intelligenz rübergeht…!

22.8.1933: In etwa 14 Tagen ist es soweit. Und auf eine Kiste mehr oder weniger kommt es nicht an. Du kannst also Deine geliebten Bücher mitnehmen. Nur hat man drüben weder Boden noch Keller. Wer keine Möbel hat, deckt eine Decke über die Kiste und ein Tisch ist fertig. Aber wir werden es uns auch dort schön machen und die deutsche Ordnung und Sauberkeit hochhalten … Lieb von Dir, dass du an Papas Grab denkst. Ich hinterlege bei der Gemeinde Geld für eine Efeubepflanzung im Frühjahr, dann kann es nie ganz schlecht aussehen. Die Pflege bezahlen wir natürlich von drüben und solange wir Freunde in Berlin haben, wird auch immer eine Blume darauf sein. (Sogar die Quittungen der Jüdischen Gemeinde für die Grabpflege hat Lotte aufgehoben).

13.9.1933: Liebe Lotte! Wegen Deiner Bücher und anderen Habseligkeiten habe ich nicht die Absicht, mir die Radieschen von unten anzusehen – ich verzichte also lieber auf Dein Kommen und werde gleich anfangen, die Bücher auszusortieren. … Außerdem muss ich jede größere Sache zu Geld machen. Wenn alles vorbei ist, erzähl ich Dir das ganze Theater. Eben hat Hans vergeblich versucht, Schlosser & Webers „Weltgeschichte“ loszuwerden… Weißt Du, für was eine ganze Bibliothek angesetzt ist? 100.- Und so geht es weiter. … (Es geht um Bilder:) Den Kandl und „Mädchen im Garten“, Strucks „Omama“ und den russ. Juden behalten wir. Der Kohlhoff ist aber zu gross. Brücken werden höchstens mit 100 bis 120,- bezahlt. Es ist die denkbar ungünstigste Zeit. Es finden täglich ca. 30 Auktionen statt.

17.9.1933: Eine zeitgemäße Annonce: Tausche Mercedes Benz gegen arische Großmutter – oder taubstummes Mädchen von jüdischer Familie gesucht. Oder Deutschland heißt jetzt Allgoi. … Wo du hinkommst, kommst du in ein Trauerhaus. (Rabbiner) Prinz soll von der Kanzel herab gesagt haben: „Wisst Ihr denn immer noch nicht, wie es um Euch bestellt ist? Hofft Ihr immer noch, wo es nichts mehr zu hoffen gibt?“ Selbst Teuber weiss keinen anderen Ausweg als zu sagen: „Die Menschen sind eben zu wenig gläubig.“ Fühlst du die Ohnmacht, die darin liegt? …

29.9.1933: Seit zwei Tagen ist Onkel Siegfried das Amt eines Sachverständigen genommen und so trifft es einen nach dem anderen. Selbst er, der nie etwas von Pal. wissen wollte, würde heute rausgehen, wenn er es aus steuerlichen Gründen könnte. Gewiß sagen alle von der anderen Fakultät, sogar Beamte: »Warten Sie doch noch ab.« Und derweil kommt einer nach dem anderen zu dem Entschluss auszuwandern, nicht wegen einer Psychose, sondern weil einer nach dem anderen seine Existenz verliert…

21.10.1933: Die Würfel sind gefallen! Die Billets sind bestellt! Wir fahren mit einem feinen Schiff über Genua… Bist du einverstanden, dass ich losfahre, als ob ich in die Sommerfrische führe? Warum sollen wir uns das Herz schwer machen. Du kommst eben nach, sobald du darfst, und wir hoffen, dass das bald sein wird. Schließlich sind wir „nur“ 6 Tage voneinander entfernt.

21.11.1933: Mein Liebes! Nun ist es geschehen! Wir sitzen im Zug … Ich habe nun 3 Wochen Abschiednehmen hinter mir. Zuletzt fühlte ich deutlich, dass ich über den toten Punkt war…. Aschers haben groß Abschied mit uns gefeiert. Chokoladentorte, Blitzlichtaufnahmen… Schweinchen hat uns ein Fresspaket mitgegeben, mit ganzen Würsten. Schreib an Grete Bonwitt, Haifa, Poste restante. Verstanden?

Grete und Lotte Bonwitt

Mutter Grete und die Brüder sind weg. In dem guten halben Jahr, das die 23-jährige Lotte nun allein in Berlin verbringen muss, gehen wieder zahllose Briefe hin und her. Vor allem schreibt Grete in Haifa an Lotte im Deutschen Reich:

6.12.1933: …Ich habe absichtlich nicht umgehend geschrieben, weil ich erst allmählich hinter diese fremdartige Landschaft kommen wollte, die mich anfangs maßlos enttäuschte. Man hatte mir von vielen Seiten hier alles mit der Riviera verglichen. Na, ich muss ja sagen! Gewiß, das Meer ist da und ist wunderbar, wenn man sich die nichtvorhandenen Wälder auf dem Karmel dazu denkt. Ansonsten ist der Ort selber eine Steinwüste mit 50 % im Bau befindlicher Häuser. Es wird alles notdürftig zusammen gehauen und da Pensionen und Zimmer teuer sind, ziehen viele schon ein, bevor Fenster und Türen drin sind … Wir nahmen uns am Hafen ein Auto … und versuchten in mir empfohlene Pensionen unterzukommen – alles besetzt. Dann rief ich Struck an. „Herr Struck kann nicht an den Apparat kommen, weil Schabbat ist.“ Wir also hin zu ihm. Er nannte uns verschiedene Namen: Bezalel, Tnuva, mir trudelte all das im Kopf und ich bat ihn, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, aber das durfte er nicht, weil Schabbat war …
An die Araber habe ich mich auch schon ein wenig gewöhnt. Gestern haben mir 2 Araber den Schrankkoffer und 3 Handgepäcke umgezogen. Solch ein Ding nehmen sie wie nichts auf den Rücken und stützen es durch Stricke, die um den Kopf gehen. Und dafür bekommen sie dann 4 Piaster beide, macht 30 Pfg. für jeden. Der eine sprach arabisch, deutsch, jiddisch, französisch, engl. & hebräisch …
Dass es soviel Sterne am Himmel gibt, habe ich überhaupt nicht gewußt. Ein ganz unbekanntes Viertel hab ich entdeckt, die deutsche Kolonie. Das sind Christen (jawohl), die vor ca. 70 Jahren hierher auswanderten und prächtige Häuser hier besitzen. Abends geht man durch ganz dunkele Straßen ohne das geringste Angstgefühl, man ist ja unter sich. …
Die ganze jüdische Jugend geht nach Feierabend auf der Herzl Straße spazieren. Morgens trinke ich Cacao und esse Brötchen und Butter in einer Art Milchhalle und Mittag in einer Art Kutscherkneipe, wo auch Strucks essen und wo es am besten sein soll. Es ist aber überall schlecht. Auf diese Weise gebe ich täglich ca. 12 Piaster (1,80 Mark) aus … Die Tochter von Frau Neumann ärgert sich, dass jetzt schon die Araber anfangen deutsch zu sprechen, so national eingestellt ist sie…
Ich versuche mit letzter Anstrengung alles ein bißchen nett zu machen. Aber die anderen schon nicht mehr. Sie essen aus dem Papier, als ob sie es nicht anders gekannt hätten. Wir probieren jetzt alle deutschen Mittagstische aus, denn der Fraß in den Kneipen ist auf die Dauer unmöglich … Heute gibt Weissgerber ein Konzert. Auch Vorträge werden gehalten. … Von Weihnachten ist hier nichts zu merken. Wer schon Chanukka nicht feiert, feiert deshalb Weihnachten noch lange nicht … Mit Struck bin ich nur zusammen, wenn ich sie zufällig treffe oder etwas von ihnen wissen will. Sie werden so überlaufen von allen Leuten, dass sie sich über jeden freuen, der nicht kommt. … Du würdest hier oft stehenbleiben und glotzen (wie ich es tue) … Solltest du in Deutschland bleiben wollen, vermiete ich meine Wohnung möbliert und komme zurück…. 
Ich bin Mitglied der WIZO, einer Frauenvereinigung, geworden, wo ich auch einen Kochkurs nehme. … Es ist lausekalt in unseren Zimmern … Hebräisch ist sehr schwer und Hans ist sehr faul. Er findet immer eine neue Ausrede, um nicht mit mir zu üben … Wir haben immer noch keine Lehrstelle für ihn gefunden! Die hiesigen Klempner sind meist kleine Leute, die ohne Hilfe arbeiten … Lerne fleißig Iwrith, hörst du? Wichtig! Grüße & Küsse von Mama

30.1.1934: Walter hat sich mit einem Herrn Schneider aus Wien einen Lagerplatz gemietet und eröffnet demnächst eine Autoschlosserei mit Hebebühne (die 1. in Haifa) … Neulich hat Hans für 10 Piaster die Stunde Zettel verteilt. Ja, so was macht man hier. Das ist ganz in Ordnung. Wenn Hans nur ehrgeiziger wäre…. Dem fehlt ein strenger Vater. Ich sage ihm so oft, dass ich ihm das größte Opfer gebracht habe, und ihm den Weg ebnen wollte – alles umsonst … Wenn du jemanden weisst, der nach Haifa kommt, dann gib bitte mit: Volksklingen von Dr. Kuhlmann zum Rasieren, so viele wie möglich. 10 Stück kosten 35 Pfg. und Hans bittet um 100–200 Stück… WANN KOMMST DU? WIE LANGE MUSS ICH NOCH WARTEN?

5.2. 1934: Walter und Lilo sind bei Joseph Schmidt im Concert (der Tenor hat 1934 in Palästina gastiert). Ich »begnüge« mich mit (dem Cellisten Emanuel) Feuermann, der auch in Haifa concertiert … Helle seidene Kleider werden bestimmt hier im Sommer getragen, wenn du also billig welche bekommen kannst… Mit den Haaren und allem anderen macht man es nach Schnauze. Man hat Dauerwellen, hat keine, trägt Bubikopf, trägt Dutt, die Mädels, die auf dem Bau arbeiten, kommen in Hosen von der Arbeit usw…

28.2.1934: „Zu größter Unfreude Deine Iwrit-Karte bekommen. Stehe davor, wie eine Kuh vorm neuen Tor. Dummes Ding!“…
Dann (das wirkt unglaublich für 1934) bestellt Grete in Palästina bei Lotte in Nazi-Berlin: „mehrere Hutschleifen… roten Bezugstoff für 2 Kopfkissen… ein-zwei helle Haushaltsschürzen… einige gute Scheuerlappen (sic!) … gute große Frottierhandtücher“. (Wie die Mutter so die Tochter: 2009 bei der Wohnungsauflösung war der Schrank immer noch voll mit „guten“ Handtüchern.)

5.3.1934: Unser Haus ist und bleibt jedenfalls Iwritrein. Da kann man nichts machen. … Hans hat inzwischen den letzten Rest von Sauberkeit abgelegt. Er klebt bald. Wohin er sich setzt, da hinterlässt er Flecke. Ich muss mir Mühe geben, mich nicht vor ihm zu ekeln … Wir horchen, was auf der Treppe los ist. Großer Krach zwischen dem Wirt und einem Mieter. Der Wirt sagt gerade, er hätte gedacht, dass die Deutschen keine Schweine wären. Ob ich ihm auf jeden Fall eins in die Fresse haue?

1.4.1934: Ausflug nach Tel Aviv: Die Stadt ist riesenhaft groß, mit den modernsten Läden, ebenen (im Gegensatz zu Haifa) Straßen und dem größten Anziehungspunkt: dem Meer. In 3 Reihen Liegestühle liegen die Massen…

6.6.1934: Die Rundschau lesen wir und versuchen Tatsachen und Greuelmeldungen voneinander zu unterscheiden. Manche sagen, es traut sich keiner mehr auf die Straße… Ich war gestern zum Vortrag von Arnold Zweig, der vor 200 Leuten in der Ewer-Buchhandlung über die „seelische Entwurzelung der deutschen Juden“ sprach… Der Vortrag wurde sehr angegriffen. Ich fand alles so subjektiv gesehen. Er wollte allen innerlich helfen, aber geglückt ist ihm das nicht. …

Dann endet die Korrespondenz vorläufig, denn auch Lotte kann im Juni 1934 Deutschland verlassen. In einer Versicherungspolice steht, dass sie mit 1 Container und 1 Liegestuhl nach Palästina reiste. Da sie 3. Klasse fuhr, hat sie vermutlich auf dem Schiff in dem Liegestuhl geschlafen.

Was an all den Briefen so verblüfft, ist die fast völlige Abwesenheit von Geschichte und Weltgeschehen. Auf hunderten eng beschriebenen Seiten kommt das „da draußen“ selten vor. Und wenn schon Emotionen, dann hohe Erwartungen an die Kinder oder Vorwürfe. Was ist das, was diese ganze Generation von deutschen Juden und deutschen Deutschen so hart gemacht hat, zu sich selbst und zu anderen?
Was zur gleichen Zeit in Europa oder auch nur ein paar Kilometer weiter geschieht (immerhin graben wir in 30 Jahren Korrespondenz aus den schlimmsten Jahrzehnten des Jahrhunderts), existiert in diesen Briefen nur beiläufig. Zwischen all dem Kram, wer mit wem Broges ist, wer was falsch gemacht hat, wer wem noch Geld schuldet usw. plötzlich zwei Zeilen über Schießereien mit Arabern und dann schnell zurück zur Beschreibung der Schlafstörungen. Als wenn Lotte und Grete unter einer Glasglocke oder in einer Luftblase gesessen hätten. 

Ist der Tunnelblick Selbstschutz? Ist es – analog zur Banalität des Bösen – die Banalität des Daseins, die Banalität der Katastrophen? Gewöhnt man sich an den Horror? Ist es so, dass unsere Generation auf Probleme und Zusammenhänge geeicht ist, während unsere Eltern/Großeltern Überlebenspragmatiker waren? Vielleicht konnte man anders nicht weiterleben, wenn man das eine nicht vom anderen abspaltete und im Alltag, im Privaten, ausblendete. Diese Frauen haben die Zähne jeden Tag zusammengebissen, ihre Heimat hinter sich gelassen, sich und ihre Kinder allein durchgebracht. Wer kann sich anmaßen, sie zu beurteilen. Gleichgültig waren diese Frauen beileibe nicht. Es gibt Briefe, in denen auch Tante Lotte die Situation ganz genau sieht und analysiert.

April 1948. Unabhängigkeitskrieg. Lotte, die bei der Palestinian Post arbeitet, schreibt, dass in Jerusalem alles in Auflösung begriffen sei: ..Ich sitze im Büro, um mich herum kracht es. Nebenan im Generali Building sind die Englischen Militärs eingezogen. Hinter uns auf dem Regierungshospital, das voll von arabischen Patienten und arabischem Staff ist, ist seit heute die Rot-Kreuz-Fahne aufgezogen. –
Wir stehen noch immer unter dem Eindruck des Massakers auf den Hadassah Convoy vor 10 Tagen. Es ist Tatsache, dass die Busse auf Minen aufgefahren sind um 1/2 10 morgens und dass sie gegen 3 Uhr anfingen zu brennen. Gegen 5 Uhr hat dann das Militär, das den ganzen Tag über einen solchen Kugelhagel auf die jüdischen Emdot losgelassen hatten, dass an Hilfe-Bringen nicht zu denken war, die Geschütze umgedreht, zweimal in die Araber reingeschossen, und sich dann bequemt, die jüdischen Casualties aufzusammeln. Die Hagana konnte nichts anderes tun, als durch ununterbrochenes Schießen verhindern, dass die Araber an die Busse herankamen. Sie haben mit Feldstechern gesehen, dass während des Kampfes einige Juden aus den Bussen weglaufen konnten, und die Ärzte, die die Knochen und Zähne (das einzige, was von den verbrannten Menschen übrig blieb) untersuchten und zusammen zählten, glauben, dass ca 15–20 Menschen fehlen… 
Dass Hans´ Kamerad Knoller vor ca 4 Wochen im Überfall auf den Convoy nach Ataroth gefallen ist, habt Ihr sicher gehört. Die Araber standen auf beiden Seitzen des Kwischs, haben die Busse zum Stehen gebracht und dann einen nach dem anderen beim Aussteigen durch Kopfschuss getötet. Nach dem, was alles inzwischen passiert ist, zu urteilen, war das noch eine der menschlichsten Arten. –
Ich glaube, du bist völlig mistaken, dass du glaubst, wenn wir nicht auf dem jüdischen Staat bestanden hätten, hätten wir jetzt Frieden. Man hat seit Beginn des Mandats nichts anderes getan, als – gegen die Recommandations der nunmehr über 20 Kommissionen – uns ein Recht nach dem anderen zu nehmen. In Kürze wäre nichts anderes übrig als ein winziges Ghetto mit völlig entrechteten Menschen, die man langsam aber sicher abgeschlachtet hätte, wie es in den anderen arabischen Staaten der Fall sein wird. Für uns gibt es in meinen Augen tatsächlich nur 2 Alternativen: um Legalität und Recht zu kämpfen, oder eine entrechtete Minorität in einem arabischen Land zu werden mit langsam aber sicherem Untergang. – Ich finde keinesfalls, dass ein jüdischer Staat die einzige Lösung wäre, ich könnte mir viel besser z.B. einen bi-nationalen Staat vorstellen, denn wenn wir überhaupt hierbleiben wollen, müssen wir mit den hiesigen und benachbarten Arabern zusammenarbeiten.…
Im Moment übrigens hat das Sniping auf die Princess Mary Str. aufgehört, aber tagelang war es richtiges Spießrutenlaufen… Es ist ein Wunder, wie wenig verhältnismäßig bei all dem Geschieße und Gebumpse passiert. Viele haben schon Kugeln und Mortars in die Häuser reinbekommen, without loss to human life or property. –
Es ist eine unbeschreiblich heroische Leistung von all denen, die ihr Leben fast täglich aufs Spiel setzen, um die communications offen zuhalten. Und da wir das anerkennen, so fällt es uns auch leichter, diese Entbehrungen, die unvermeidlich sind, mit Gleichmut zu tragen.

Gleichmut. Unvermeidlichkeit. In dem Konvolut gibt es aber auch etliche Briefe von Dr. Kurt Gronemann, verwandt mit Sammy Gronemann, der in Haifa eine Zahnarztpraxis (und mit ziemlicher Sicherheit ein Verhältnis mit dem »geliebten Lottchen«) hatte. Er ist der einzige, der sich deutlich kritisch äußert, über die »eingeborene H.J. (»Chagam genannt«)« lästert und dafür als »Pazifist, Dummkopf und Verräter« beschimpft wird, wie er schreibt. Er wolle nicht mit der Majority heulen, und wenn man dies täte, dann müsse man »es aber auch gut heißen, dass unter anderem der eigene Sohn ins Feld muss und zu kriegerischen und aktivistischen Handlungen ausgebildet wird… Das geht aber alles nicht gegen dich, mein Geliebtes. Frauen sollten sich überhaupt nicht mit Politik beschäftigen (oh, wenn das nur unser Goldachen beherzigen würde). Sie verdirbt den Charakter.«
Im Dezember 1948 schreibt Gronemann an Lotte: Wahrscheinlich wirst du das Vergnügen haben, unseren Sohn bei Dir zu sehen, der im Anschluss an eine H.J.-Parade (ich wollte sagen: Gadna-Demonstration in Tel Aviv, ich bitte dich – 16-jährige Jungs mit richtigen Gewehren) einen zweitägigen Ausflug nach Jerusalem mit Besichtigung der Kriegsschauplätze als Lehranschauung für die Zukunft unternehmen soll.«

Zu den letzten Briefen gehören etwa 300 Blätter von 1961 in Lottes Nachlass. Mein Blick scannt die Zeilen. Und da ist er, der Name: Eichmann. Wie ein Stromschlag. Er kommt ganze dreimal vor. Einmal heißt es: Der Eichmann-Prozess verfolgt uns auf Schritt und Tritt, wieviel mehr noch die Leute, die so schreckliches miterlebt haben. Deswegen werde ich auch nie verstehen können, wie Leute nach Deutschland zurückgehen können. Und oft welche, denen es hier ganz gut geht, Arme haben ja eh gar nicht das Geld für die Rückwanderung…
Dann schreibt Lotte Anfang April an Grete in Haifa: Es gibt ein Problem mit Deiner Unterbringung in Jerusalem. Wegen des Eichmann-Prozesses sind alle Zimmer in der Stadt mit Presseleuten besetzt… Alles nur wegen dieses scheußlichen Eichmanns.
 Und am 15. April: Sonst gibt´s hier nichts neues, wir stehen weiter im Zeichen von Eichmann, natürlich auch ein bisschen von Gagarin. Wehe, wenn du nächstes Jahr erst zum Mond fliegst, bevor du zu uns kommst.

Jetzt muss ich doch lachen.

(Geschrieben 2010)

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