Alexander Beer (auf amtlichen Papieren Alex Beer), am 10. September 1873 in der kaschubischen Kleinstadt Hammerschmidt (Czarne) geboren, hat in Berlin und Darmstadt Architektur studiert. Er brachte es schnell bis zum Regierungsbaumeister in Mainz, hätte sich für sein weiteres berufliches Fortkommen als Jude im Staatsdienst aber taufen lassen müssen. Beer lehnte ab und nahm 1910 die Stelle des Gemeindebaumeisters bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin an. 1924 heiratete er die Möbelfabrikanten-Tochter Alice Fanny Davidsohn (sie starb 1941 in Berlin an Krebs, während die 1929 geborene gemeinsame Tochter Beate 1939 mit einem der „Kindertransporte“ nach England in Sicherheit gebracht werden konnte).



Bis zur Nazi-Zeit war Alexander Beer ein viel beschäftigter Mann. Er hat in seiner Zeit als Gemeindebaumeister unzählige Gebäude in Berlin umbauen oder erbauen lassen. Seine kurz vor und während des Ersten Weltkriegs entstandenen Monumentalbauten wie das Jüdische Waisenhaus in Pankow und die (teilzerstörte) Synagoge Kottbusser Tor (Fraenkelufer) wirken noch recht traditionell und konventionell. Doch Mitte der 20er-Jahre wandte sich Beer immer stärker der „Neuen Sachlichkeit“ zu. Schöne – ganz der Ästhetik der Weimarer Zeit verpflichtete – Beispiele sind seine Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße 11-13 in Mitte und die Synagoge Prinzregentenstraße 69-70 in Wilmersdorf, die keine zehn Jahre nach ihrer Einweihung während der Novemberpogrome 1938 dem Nazi-Mob zum Opfer fiel.






Die Jüdische Mädchenschule





Die Synagoge Prinzregentenstraße
Hier sei jedoch an Alexander Beers letztes großes Projekt erinnert, das Jüdische Altersheim in Schmargendorf.
Ende der 20er-Jahre lebten um die 160.000 Juden in Berlin. Infolge des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise waren auch im reichen Westen Berlins viele verarmt und auf Fürsorge der Gemeinde angewiesen. Da gerade hier „besonders katastrophale Einbrüche in die Existenzen ehemals gut situierter Glaubensgenossen vielfach zu verzeichnen“ waren, aber alle jüdischen Altersheime im Osten oder anderen Teilen der Stadt lagen (Schönhauser Allee, Iranische Straße, Große Hamburger Straße), beschloss der Gemeindevorstand 1928 den Bau eines weiteren Altersheimes im Westen und beauftragte Alexander Beer mit einem Entwurf für das Grundstück an der Berkaer Straße 32-35, Ecke Sulzaer Straße 10 mit großem Garten in Berlin-Schmargendorf, einem idyllischen Teil von Wilmersdorf.

Finanziert wurde der Bau aus Gemeindemitteln und großzügigen Spenden betuchter Gemeindemitglieder. Baubeginn war 1929 und nach der feierlichen Einweihung des Altersheims am 3. März 1931 schrieb Alexander Beer im Gemeindeblatt: „Das Haus wird in die Zeitgeschichte unserer Gemeinde übergehen als ein Denkmal hochherziger Opferwilligkeit, mit welcher gegenwärtiges Geschlecht in schwerster Zeit das Alter zu ehren wußte und seinem Mitempfinden mit den von einem herben Los getroffenen Glaubensgenossen, sichtbaren Ausdruck verlieh.“



Da es sich um eine schmales, langgezogenes Straßen-Grundstück handelte, hatte Beer einen eleganten langen, gestaffelten, drei-, vier- und fünfgeschossigen Backsteinbau mit umlaufenden kontrastreichen Putzbändern entworfen, die den Baukörper gliedern. Hinzu kamen abgerundete Balkone, ein zurückgesetztes Obergeschoss und auf der Gartenseite eine Fassade mit viele Fenstern.
Die 138 Zimmer für 180 Bewohner waren in drei Etagen untergebracht, die durch vier Treppen erreichbar waren. In „allen Geschossen befinden sich behagliche Tagräume, welche den Aufenthalt der Insassen in kleineren Gruppen gestatten“, wie Alexander Beer nach der Fertigstellung im Gemeindeblatt schreibt, außerdem einen Dachgarten mit angeschlossenen Liegehallen. Im Souterrain befanden sich eine Warmwasser-Heizungsanlage für alle Räume, eine Radio-Anlage, eine Haustelefon-Anlage sowie zwei Küchen, die mit dem Speisesaal im Hochparterre durch Speiseaufzüge verbunden waren. Den Betsaal mit 240 festen (und 60 mobilen) Plätzen und einer nach Südosten ausgerichteten Bima hatte Beer im obersten Geschoss des Kopfbaus angesiedelt; auch er war bequem mit einem Fahrstuhl zu erreichen.

Dass (so Wikipedia) Max Busyn (1899–1976) Wandbilder für die Synagoge des Altenheims in Schmargendorf geschaffen hat, dürfte eine Verwechslung sein. In der Berliner jüdische Presse aus dieser Zeit taucht Busyn, der 1928 nach Berlin gekommen und 1934 nach Palästina emigriert ist, ausschließlich im Zusammenhang mit dem Ende 1931 eröffneten Altenheim in der Lietzmannstraße (heute Gerlachstraße) am Alexanderplatz auf. Hier war Gustav Bauer der Architekt gewesen; die Wandbemalung des Festsaales stammte von Hermann Krehan (ein Bühnenbildner und Schauspieler, der u.a. in „Kuhle Wampe“ und „Berlin Alexanderplatz“ mitgespielt, in Skandinavien überlebt und später das Pseudonym „Henri-Martin Crayon“ benutzt hat) und die figürlichen Darstellungen in der Synagoge, „welche eine bewußte Rückkehr zu dem früheren Brauch unserer Gotteshäuser sind„, wie das Gemeindeblatt im Dezember 1931 vermeldete, seien „der Kunst des jungen Maler Max Busyn“ zu verdanken. Zwei mit abgedruckte Fotos vermitteln einen Eindruck, wie es in diesem Betsaal aussah:


Doch zurück zur Berkaer Straße, von deren Synagoge kein Foto aufzutreiben war. Über sie erfahren wir aus dem Gemeindeblatt nur, dass sie – wie die Zweigstelle der Gemeindehauptbibliothek im Haus – auch Nichtbewohnern offen stand, hier nach dem „neuen“ Ritus und mit Harmonium gebetet wurde und unter dem Namen „Liberale Synagoge Grunewald“ firmierte (nicht zu verwechseln mit der (Vereins-)Synagoge Grunewald in der Franzensbader Straße, wo nach „altem Ritus“ gebetet wurde).

Am 7. März 1941 – zehn Jahre und vier Tage nach der Einweihung des Altersheims und der Synagoge – wurde die Jüdische Gemeinde gezwungen, das Grundstück Berkaer Straße 32-35 an das „Deutsche Reich“ zu verkaufen. Wenig später wurde das Haus von der SS geräumt. Fortan diente es dem Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes als Bürogebäude und Sitz der Spionageabwehr unter SS-General Schellenberg (nach 1945 wurde es als “Mackenzie King Barracks” von den britischen Streitkräften genutzt; seit 1956 ist es Krankenhaus und Pflegeheim).

Der Architekt Alex „Israel“ Beer wurde am 17. März 1943 mit dem sogenannten „4. Alterstransport“ von Moabit nach Theresienstadt verbracht und starb dort am 8. Mai 1944. Die Bewohner und Mitarbeiter seines Altersheims waren da bereits tot. Sie wurden – die Älteste war Johanna Gumpel, Jahrgang 1847, die Jüngste Hertha Lychenheim, Jahrgang 1925 – zwischen 1941 und 1943 nach Riga, Auschwitz, Minsk, die allermeisten aber am 17. August 1942 – heute vor 84 Jahren – in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Zurückgekehrt ist niemand.
Jeder Mensch hat einen Namen – diese sind die der letzten 103 Bewohner und Mitarbeiter des Altersheims Berkaer Straße:
Abel, Rosette, geb. Loewenstein
Abrahamsohn, Julius
Abrahamsohn, Gertrud, geb. Heymann
Angress, Louis
Apolant, Bertha
Ballhorn, Lucie
Baum, Eva
Behrendt, Mathilde
Beigel, lrma
Berliner, Hildegard
Birnbaum, Pessel, geb. Rappaport
Bloch, Agnes, geb. Wolffheim
Blochert, Paula, geb. Wall
Blum, Hugo
Böhm, Philippine, geb. Lachmann
Borchardt, Margarete, geb. Plaum
Bornstein, Alma, geb. Mosler
Bramson, Rosa, geb. Fleck
Brandes, Natalie, geb. Reich
Bud, Moritz
Cohn, Jeanette, geb. Koppel
Cohn, Hulda
Cohn, Cäcilie
Cohn, Alexander
Daniel, Rosalie, geb. Mayer
Elias, Rosalie, geb. Presser
Feibusch, Johanna
Friedländer, Frieda. geb. Jakob
Friedländer, Johanna
Fürstenthal, Rosa
Gappe, Rosa, geb. Jacks
Gelbart, Cäcilie, geb. Elias
Gerechter, Sara, geb. Staub
Glogauer, Bianca. geb. Doctor
Goerke, Flora, geb. Karfunkelstein
Goldschmidt, Ernestine, geb. Oettinger
Gotthilf, Gertrud
Gumpel, Johanna, geb. Baruch
Gumpel, Sale, geb. Laser
Havelland, Thekla
Hirschfeld, Alice
Hirschfeld, Beate, geb. Elkan
Hirschfeld, Jenny
ltzkowski, Eva
Jacoby, Hermann
Jaruslawsky, Hedwig, geb. Frankenstein
Jonas, Leo
Katz, Hildegard
Katz, Ruth
Kern, Gertrud
Königsberger, Leo
Krisch, Leopoldine, geb. Hollaender
Krutz, Gerda
Lewinsky, Leo
Lewinsohn, Selma, geb. Lewy
Lewy, Wally, geb. Wolff
Loewenthal, Minna
Loose, Jenny
Löwenstein, Rosa
Lychenheim, Herta
Manasse, Carola, geb. Kissinger
Mannheim, Hildegard
Markel, Jenny, geb. Goldschmidt
Messow, Emma, geb. Fürstenthal
Meyer, Fanny, geb. Rosenthal
Michaelis, Maria, geb. Weiss
Moses, Jenny, geb. Ettisch
Müller, Clara, geb. Kayser
Oettinger, Bona, geb. Rost
Oppenheimer, Georg
Opprower, Flora, geb. Loewy
Pincus, Regina, geb. Brasch
Preuss, Julius
Preussl, Natalie, geb. Bucki
Rapp, Elli
Rausch, Eduard
Rausch, Lena
Reich, Agnes, geb. Joachim
Rosenthal, Marie, geb. Markiwiecz
Ruhemann, Emma
Ruhemann, Margarete, geb. Lebensheim
Samolewitz, Georg
Samolewitz, Rosalie. geb. Jacobis
Scherek, Malwine
Scherek, Johanna
Schnitzer, Anna
Schoenberg, Georg
Schoenfeld, Toni, geb. Borck
Schottländer, Fanny, geb. Holz
Silberberg, Laura, geb. Schüler
Silberstein, Selma, geb. Holzbock
Simonstein, Selma, geb. Anschel
Sinasohn, Julius
Stern, Salo
Sternfeld, Helene
Straus, Hannchen, geb. Lohmann
Teppich, Flora
Tuch, Aron
Tuchler, Meta
Westphal, Bertha, geb. Mannheimer
Wittenberg, Jenny, geb. Berger
Wolff, Hertha
Wolff, Philippine, geb. Henschke
Zander, Käthe.
Zichram livracha.
