Klänge aus dem Wartesaal

Die Musik der »Displaced Persons«

In Landsberg am Lech, wo Hitler in der Festungshaft »Mein Kampf« geschrieben hatte, befand sich das größte Außenlager des KZ Dachau und nach der Befreiung eines der größten Lager für »Displaced Persons«. 20 Kilometer entfernt liegt die Benediktinerabtei St. Ottilien, die bei Kriegsende unter anderem ein Wehrmachtslazarett beherbergte. Am 28. April 1945 erreichten die Amerikaner das Kloster, erklärten es zum Sperrgebiet und brachten über 500 schwer verletzte Überlebende der Todesmärsche hier unter, auch wenn die Mönche und die deutschen Ärzte wenig begeistert davon waren, dass sie ihr Kloster nun mit Juden teilen mussten und die lädierten Wehrmachtssoldaten in die Flure oder in andere Hospitäler verlegt wurden.

[Das erste Liberation Concert]

Vier Wochen später, am 27. Mai 1945, fand hier die erste Kulturveranstaltung von und für Überlebende überhaupt statt. Für das später so genannte »Liberation Concert« waren Musiker aus Bad Tölz gekommen, die gerade erst befreit worden waren. Die meisten waren in ihrem früheren Leben Mitglieder der Litauischen Staatsoper gewesen und hatten im Ghetto Kaunas im Polizei-Orchester oder im Ghetto Wilna im Orchester der Geschwister Durmashkin auf eingeschmuggelten Instrumenten Dvořák, Beethoven, Mozart und Chopin gespielt, aber auch Volkslieder, Jazz und Schlager – »für die Ghetto-Bewohner ein Lebenselixier wie die reine Bergluft für Lungenpatienten«, so Abraham Sutzkever später.

Micha Hofmekler, David Arben, Alexander und Abraham Stupel, die drei Borstein-Brüder, Daniel Pomeranz, Henia und Fania Durmashkin und der 18-jährige Isai Rosmarin – sie alle waren 1944 zur Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie nach Kaufering deportiert worden und traten hier nun als »Kapelle: Konzentrationslager I Dachau-Kaufering« auf.

Die Mönche glänzten an diesem Tag durch Abwesenheit. Dafür waren Befreite der ehemaligen Kauferinger Außenlager da, Vertreter der Militärregierung und der UNRAA. Die Kapelle eröffnete den Abend mit Griegs Triumphmarsch. Dann sprach Zalman Grinberg, Ex-KZnik und Leiter der Krankenstation in St. Ottilien über die Gleichgültigkeit der Amerikaner den Überlebenden gegenüber und dann über diese selbst: »Wir gehören zu jenen, die von Milliarden Läusen, von Dreck, Hunger und Kälte in Lodz, Buchenwald, Dachau, Landshut, Kaufering, Landsberg und Leonberg gepeinigt wurden. Wir sind immer noch tot! Und dennoch: Wir handeln als die Abgesandten von Millionen von Opfern, um der ganzen Menschheit zu berichten und der ganzen Welt zu verkünden, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind […] und welch triumphales Register an Verbrechen und Mord die Nation Hegels und Kants, Schillers und Goethes, Beethovens und Schopenhauers erreicht hat. Aber wir wollen keine Rache. Wenn wir Rache nähmen, hieße das, in die moralischen Abgründe zu versinken, in die das deutsche Volk hinabgesunken ist. […] Wir sind nun frei, aber wir wissen nicht, wie oder womit wir unser zwar freies, doch unglückliches Leben beginnen sollen.«

Nach Totengebeten und den vier Alliierten-Hymnen spielten die Musiker zwei Sätze von Bizet, »Solveigs Lied« von Grieg, und Henia Durmashkin, die sich auf der Bühne vor Schwäche kaum halten konnte, sang, von ihrer Schwester Fania am Klavier begleitet, ein jiddisches Lied, das Leib Rosental für die polnischen Flüchtlinge im Ghetto geschrieben hatte: »Ich benk a Heim«, »Ich sehne mich nach einem Zuhause«. (Das Lied wird verschiedentlich mit zwei anderen Liedern verwechselt. Das eine ist der Song »Habayta« – »Nach Hause« –, der 2023 beim »Homeland Concert« im Amphitheater von Caesarea für die Freilassung der Hamas-Geiseln neu arrangiert wurde, aber von Ehud Manor und Yair Klinger stammt und von Yardena Arazi im ersten Libanonkrieg 1982/83 gesungen wurde. Das andere »Habayta« hat ebenfalls nichts mit dem Ghetto und Leib Rosental zu tun. Es wurde nach 1945 von Aharon Ashman und Yedidya Admon geschrieben und durch Shoshana Damari bekannt, nachdem sie es erstmals 1948 vor jüdischen Flüchtlingen in den britischen Internierungslagern auf Zypern gesungen hatte.)

Fanja und Henia Durmashkin

Leib Rosental selbst, der Autor von »Ich benk a Heim«, und Wolf, der Bruder von Henia und Fania, waren als Zwangsarbeiter in das KZ Klooga in Estland deportiert und ein paar Stunden vor der Befreiung durch die Rote Armee von der SS erschossen worden. Beider letztes gemeinsames Lied hieß »Lomir schwajgn« (»Lass mich schweigen«), doch Rosentals bekanntestes Lied, das auch in DP-Lagern gesungen wurde, ist: »Wir leben ewig«. Anhören

Mir lebn ejbig / Ess brent a Welt / Mir lebn eibig / on a Groschn Geld / Un ojf zu pikeness di ale Ssonim / Woss wein uns farschwarzn unser Ponim // Mir lebn ejbig / mir sajnen do. / Mir lebri ejbig in jeder Scho / Mir weln lebn un derlebn / schlechte Zejtn ariber lebn / Mir lebn eibig, / Mir sajnen do! – –– Nachdichtung Wolf Biermann: Wir leben ewig, es brennt die Welt / Wir leben ohne nen Groschen Geld. / Trotz all der Feinde hier verzagen wir nicht / Auch wenn sie treten uns ins Menschengesicht // Wir leben ewig trotz all der Not. / In jeder Stunde, die uns bedroht / Wir wollen leben und erleben / schlechte Zeiten überleben. / Wir leben ewig, bis in den Tod.

Ein leider kaum mehr lesbarer Programmzettel vom 27. Mai 1945

Im Publikum saß an diesem 27. Mai auch Robert L. Hilliard, ein 19-jähriger Amerikaner, der einen Artikel für seine Armee-Zeitung verfassen wollte. Er hat die gespenstige, surreale Szenerie beschrieben, die ihn an eine »danteske Vorhölle« erinnerte. Die Musiker standen im Klostergarten auf einer behelfsmäßig zusammengezimmerten Bühne unter einem Flicken-Baldachin. Während jenseits einer Trennmauer ehemalige Wehrmachtssoldaten Zigaretten rauchten und mit den deutschen Krankenschwestern flirteten, saßen vor der Bühne bis auf die Knochen abgemagerte Gestalten in zerfetzten KZ-Uniformen, andere lagen auf Tragen oder stützten sich auf Krücken und stierten mit leeren Blicken auf die Musiker, die mit letzter Kraft mühsame Töne aus lädierten Instrumenten holten und eine Sängerin, die sich kaum auf den Beinen halten konnte. »Wir sind immer noch tot«, hatte Zalman Grinberg gesagt, aber, so die Message von der Bühne und auf dem Programmzettel: »Here we are, Landsberg!«…

[Der Harrison Report]

Der schockierte Robert Hilliard erzählte seinem Freund Edward Herman von den Zuständen in St. Ottilien und begann mit ihm zusammen Lebensmittel aus dem Stützpunkt und aus der Armeeverkaufsstelle zu organisieren und sogar ein Klavier, Geigen und andere Instrumente heranzuschaffen. Dem nicht genug. Hilliard und Herman verfassten eine Art Kettenbrief, der ihre Landsleute motivieren sollte, Pakete mit Lebensmitteln, Kleidern und Medikamenten nach Deutschland zu schicken. Sie berichteten aber nicht nur über die Zustände in St. Ottilien, sondern auch über die judenfeindliche Haltung der amerikanischen Militärs und schickten eine Abschrift von Zalman Grinbergs Rede mit. Ihr Schreiben endete: »Lesen Sie sorgfältig und denken Sie nach! Es hätte auch Sie treffen können!«

Im DP Camp des früheren KZ Bergen Belsen, 1945

Gedrängt durch diese Schreiben und die vielen kursierenden Gerüchte, die die amerikanische Öffentlichkeit und jüdische Organisationen alarmiert hatten, schickte US-Präsident Truman Ende Juni schließlich Earl Harrison nach Europa. Harrison war der frühere US-Kommissar für Einwanderung. Er besichtigte rund 30 DP-Lager, war entsetzt und schrieb in seinen Bericht: »Wir scheinen die Juden wie die Nazis zu behandeln, mit der Ausnahme, dass wir sie nicht vernichten. Sie sind in großer Anzahl in Konzentrationslagern untergebracht und werden anstelle der SS-Truppen von unseren Militärs bewacht.«

In der Tat hatten die Amerikaner die Überlebenden mit Stacheldrahtzäunen, bewaffneten Posten und Passierstellen von der Außenwelt abgeschottet und der US-Militärgouverneur von Bayern, General Patton, hätte alle Juden am liebsten wieder in Konzentrationslager gesteckt. Doch der Harrison-Report führte dazu, dass General Eisenhower noch im August die Direktive herausgab, dass für staatenlose (nichtdeutsche) Juden, die nicht in ihre Heimat zurückkehren wollten oder konnten, spezielle Camps eingerichtet werden (vorher waren sie teilweise mit ihren ehemaligen Peinigern, also baltischen oder ukrainischen Nazi-Kollaborateuren untergebracht) und dass ihnen ein Status als »Displaced Persons« oder personnes déplacées – im Sinne von ortsfremd, wurzellos, heimatlos, vertrieben – erteilt werden soll.

Die größte Gruppe unter den DPs waren befreite Zwangsarbeiter, doch die Zahl der jüdischen DPs wuchs weiter an; sie kamen aus Ost- und Mitteleuropa, die meisten aber aus Polen, denn dort mussten Juden angesichts neuer Pogrome 1946 in Kielce und Radom weiter um ihr Leben fürchten. In Westdeutschland nun erwarteten sie zunächst gravierende Unterschiede zwischen der amerikanischen und der britischen Zone (in der Zone gab es keine DP-Lager und in der französischen nur vier). Die Briten gewährten Juden keinen Status als eigene DP-Gruppe; man wolle keine Nazi-Kategorien weiter benutzen, hieß es offiziell, der eigentliche Grund dürfte aber die restriktive Mandatspolitik gewesen sein, mit der die Briten versuchten, die jüdische Zuwanderung nach Palästina zu verhindern. Trotz der Hungerstreiks und Demonstrationen in etlichen Lagern wichen sie auch nicht ab von dieser Linie. Das hatte zufolge, dass immer mehr DPs vom Norden in den Süden zogen, und schließlich über 200.000 von ihnen im amerikanisch besetzten Bayern saßen, während in der britischen Zone nur 16.000 verblieben.

Für die heimatlosen Juden wurden die westlichen Besatzungszonen zum »Wartesaal« und zur Transitzone zwischen einer zerstörten Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Sie wollten in die USA, nach Kanada oder Palästina, aber saßen hier fest, wieder hinter Stacheldraht, in den alten Nazi-Lagern oder in provisorischen Unterkünften. In Berlin gab es drei DP-Lager, in Mariendorf, Wittenau und das »Düppel-Center« in Zehlendorf. Doch die meisten Camps befanden sich in Süd-Deutschland, und weitere unter anderem in Österreich und Italien, sogar in der »Cinecittà«, Mussolinis Filmstadt bei Rom, wo die DPs in den Studios zwischen Filmsets, Kulissen und Requisiten untergebracht waren und beispielsweise 1949 beim Dreh von »Quo Vadis?« als Statisten mitwirkten. Aufnahme aus einem DP-Camp in Italien 1946, Autor unbekannt: Anhören

Text: Dort in dem Lager in a winkele bei nacht / Stejt a jidele farsinken fartracht  /Tracht fun tachles / A schod jeder arbet a schod jeder mi, / tate in himl, wi lang wet es dojrn. / A jinge froj wit a schofl in der hand, tracht in der tachles. / A klajn jingele gefrojrn fun kelt. // Dort in dem lager in dem selbn land / stejt a frau mit a schawel in der hand / a schod jeder arbet aschod jeder mi. / tate siser, ich hob schojn kajn kojeach tatenju. / Dort… In selbn land, stejt a jingele gefrojrn, / tracht wegn tachles, wu hot men majn tatn un mame awekgefirt. / Wi grojs is majn hinger. / Jetst blajb ich alajn du. / Tatenju.

Dort im Lager, in einer Ecke, bei Nacht, / steht ein Jude, versunken in Gedanken und Trauer, / Er fragt sich: Was hat das alles für einen Sinn? / Jede Arbeit, jede Anstrengung ist vergeudet. / Wie lange wird das noch so weitergehen? …

In den völlig überfüllten Baracken der DP-Camps fehlte es anfangs an allem – an Brennholz, Toilettenpapier, Seife, Lebensmitteln. Vielen Leuten blieb nichts übrig, als zu stehlen oder ihre letzten Habseligkeiten auf dem Schwarzmarkt gegen Brot einzutauschen. Der Kommandant von Landsberg, Mayor Irving Heymont, ein 27-jähriger Jude aus New York, und Zalman Grinberg in St. Ottilien, hatten wie mit Windmühlenflügeln zu kämpfen, um unter den furchtbaren hygienischen Zuständen, der miesen Versorgungslage und räumlichen Enge, eine Art »Ordnung« herzustellen. Hinzu kam, dass die Überlebenden körperlich und psychisch schwer angeschlagen und voller Misstrauen, Trauer und Depressionen waren; sie waren nicht mehr bereit, auch nur einen Finger für die Deutschen zu krümmen und sie hatten sehr verschiedene Hintergründe: liberal, konservativ, sozialistisch, orthodox, säkular, zionistisch, apolitisch, gebildet, ungebildet… So stammten z.B. Dreiviertel der Landsberger DPs aus Polen und nur drei Prozent aus Litauen; da letztere aber im Gegensatz zu den übrigen Bewohnern alle Akademiker waren, besetzten sie die besten Stellen in der Lagerhierarchie und es gab Streit und Missgunst. Im Oktober ließ Mayor Heymont dann in Landsberg die ersten demokratischen Wahlen für ein Lagerkomitee durchführen, damit die Bewohner selbst in der Hand hatten, wen sie in welchen Posten sehen wollten.

General Walter Smith besucht DPs in Landsberg

Am selben Tag kam der damalige Vorsitzende der Jewish Agency und spätere israelische Ministerpräsident David Ben Gurion nach Landsberg. Die DPs kamen ihm entgegen, schwenkten Spruchbänder und Fahnen und Irving Heymont merkte an: »Für die Leute ist er Gott. Ich glaube nicht, dass ein Besuch von Präsident Truman so viel Aufregung verursacht hätte«.

Tatsächlich wollte die Mehrzahl der Überlebenden ins »gelobte Land« und Ben Gurion war ihr Hoffnungsträger. Aber selbst die, die in andere Länder wollten, waren von der Notwendigkeit eines jüdischen Staates als Rückversicherung überzeugt. Maßgeblichen Anteil am »Palästina-Zentrismus« in Landsberg hatte eine kleine zionistische Gruppe von Überlebenden aus Litauen, die sich »Scheerit Haplejta« nannte, der »überlebende Rest«. Sie drängten darauf, dass die Leute Hebräisch lernen, dass hebräische statt jiddischer Lieder gesungen wurden usw. Doch es dauerte noch drei Jahre, bis die USA und Kanada ihre Einreisebestimmungen lockerten und Großbritannien seine Einwanderungssperre für Palästina aufgab.

In einem DP Camp in München

In all dieser Ungewissheit und langen Wartezeit, hieß es, einen Alltag aufzubauen und so entwickelten sich die Camps allmählich zu kleinen Städten mit Kindergärten, Schulen, Stätten der Berufsausbildung, Sportvereinen und Zeitungen. Am 12. Oktober 1945 erschien in München die erste Nummer von »Undser weg« (»Unser Weg«), der offiziellen Zeitung des »Zentralkomitees der befreiten Juden« in der deutschen Diaspora; bis 1950 kamen dann allein in der amerikanischen Zone 140 Zeitungen und etwa 30 Prosa- und Gedichtbände auf Jiddisch heraus. Und auch wenn die Mönche von St. Ottilien weiterhin nichts unversucht ließen, ihre ungebetenen Gäste wieder loszuwerden, wurde in diesem katholischen Kloster eine Tora-Schule, eine Synagoge und eine koschere Küche eingerichtet und in der Klosterdruckerei entstand die erste Talmud-Ausgabe Deutschlands nach dem Holocaust, der sog. »Survivors Talmud«.

Zeitungssetzerei im DP-Camp Zeilsheim

In St. Ottilien und in Landsberg bestand daneben die weltweit höchsten Geburtenquote. Major Heymont berichtete, dass die jüdischen DPs, im Gegensatz zu den deutschen Angestellten der US-Army, nie nach Verhütungsmitteln fragten. Abgesehen von dem Druck, durch hohe Geburtenzahlen wieder jüdisches Leben aufzubauen, empfanden es viele Paare offensichtlich als Genugtuung, gerade im ehemaligen Nazi-Deutschland oder -Österreich jüdische Kinder zur Welt zu bringen.

Kindergarten im DP Camp Salzburg

[Kultur]

In den Camps gab es anfangs keine Probenräume, keine Bühnen, keine Kostüme, keine Requisiten, keine Dramaturgen, keine Bücher. Die Mitwirkenden mussten die Texte oder Melodien aus dem Gedächtnis rekonstruieren und improvisieren. Bis 1948 entstanden dennoch um die 60 Laien-Theater Ensembles wie »BeDerech« (Unterwegs) und »Amcho« (unser Volk), oder das Kazet-Theater, das Sketche und Werke von Scholem Alejchem zeigte, und die sozialistisch-zionistische Yidishe Arbeter-Bine, die sich auf Bühnenstücke über das Leben der osteuropäischen Arbeiter spezialisiert hatte.

Daneben gab es Chöre und Tanzgruppen und Laien-Orchester wie HaOved (Der Arbeiter) und das Jidische Amatorn-Orkester, die meist revueartige Veranstaltungen bestritten. Profi-Musiker hingegen waren die Ausnahme, wie unsere KZ-Kapelle eben und die »Happy Boys« (zu ihnen weiter hinten).
Die Kapelle aus St. Ottilien zog im Spätsommer 1945 nach Landsberg um, nannte sich jetzt »Jewish Ex-Concentration Camp Orchestra« und trat in einer speziellen Kostümierung auf. Die Männer trugen nachgeschneiderte, gestreifte Häftlingsanzüge, die Frauen Blazer, enge schwarze Röcke, hochhackige Pumps, Schminke und hoch gesteckte Frisuren. Ihre Bühnendekoration bestand aus Stacheldraht, riesigen Davidsternen mit den Aufschriften »Jude« und »Zion« und ein paar Papp-Säulen und -Palmen als Hinweis auf das »gelobte Land« – Für die einen verstörend, für die anderen Ausdruck der Selbstversicherung.

Neu dabei waren der Geiger Max Beker, der ungarische Cellist György Horvath und der polnische Geiger Chaim Arbeitman. Sie spielten Griegs, Rossini, Offenbach, Brahms, Verdi usw. und bei ihrem ersten Konzert am 25. August 1945 im Stadttheater von Landsberg den Krönungsmarsch aus Meyerbeers Oper »Der Prophet«, in der es um selbst ernannte, falsche Heilsbringer geht und die den Musikern und dem Publikum in der Gestalt Adolf Hitlers & Co nur zu bekannt waren.

Bei der nächsten Gelegenheit, zu Purim 46, haben die DPs den »größten Führer aller Zeiten« und den bösen Haman aus der Purim-Geschichte dann auch symbolisch aufgehängt, beide am Galgen durch das Lager gefahren und sie begraben.

Aber allen im Orchester war klar, dass Veranstaltungen wie im Stadttheater Landsberg die Ausnahme bleiben würden. Anstatt in »neutralen« Konzertsälen, sollten sie von nun an drei Jahre lang in der gesamten US-Zone in ehemaligen KZs und Wehrmachtskasernen auftreten, und ihre an diesen und ähnlichen Schreckensorten entstandenen Traumata verdrängen.

[Besucher im Wartesaal]

Ein Blick in die britische Zone. Das KZ Bergen-Belsen war schon am 15. April 1945 von den Briten befreit worden. Sie hatten die verwanzten Baracken abgebrannt und die Insassen, hauptsächlich polnische Katholiken und Juden aus Osteuropa auf zwei nahe gelegene Kasernen verteilt. Der erste Kulturschock passierte hier drei Monate später, am 27. Juli 1945. Yehudi Menuhin und Benjamin Britten waren auf einer kurzen Konzert-Tournee durch die britischen DP-Lager auch nach Bergen-Belsen gekommen. Menuhin, der jüdische Weltstar und Violinist, hatte nach dem Kriegseintritt Amerikas schon einige Hundert Auftritte vor alliierten Soldaten von Alaska bis Hawaii gespielt. Benjamin Britten hatte er erst kurz vor der DP-Tournee auf einer Party in London kennengelernt. Menuhins Vorstellung, »mit dem Wenigen, was ich durch Musik beitragen konnte, einige Anknüpfungspunkte an die Menschheit wiederherzustellen«, hatte Britten derart begeistert, dass er den Geiger umstimmen konnte, ihn statt des vorgesehenen Pianisten Gerald Moore mit nach Deutschland zu nehmen.

Menuhin und Britten

Die Szenerie in Bergen-Belsen glich der des »Liberation Concert« in St. Ottilien: Menuhin und Britten, beide hemdsärmelig, standen bis auf die Knochen abgemagerten, in Lumpen gehüllten Gestalten gegenüber, die weder zu dem üblichen Willkommensbeifall noch zu einem empfänglichen Schweigen imstande waren. Die Musiker begannen ihr Konzert einfach gegen den Lärm des Publikums. Sie spielten unter anderem Bach und die so lange unterdrückte Musik eines Felix Mendelssohn. Richtig gut an kamen sie nicht. Die DPs nahmen ihnen übel, dass sie zuerst für die katholischen, polnischen DPs in Celle gespielt hatten und nicht direkt zu ihnen gekommen waren. Und sie waren Musiker, die den Krieg fernab in den USA verbracht hatten, Anteil nehmen wollten, aber keine realistische Vorstellung von der Lage der Menschen in den Lagern hatten.

Das Publikum sei sehr unruhig gewesen, schreibt Menuhin in seiner Autobiografie, und »es gab zunächst auch keinen Applaus.« Eineinhalb Stunden klassische Musik, darauf hätten viele Überlebende sich zu dem Zeitpunkt noch nicht einlassen können. Andere störten sich daran, deutschen Komponisten wie Bach und Beethoven zuhören zu müssen, und fragten, warum nichts Jüdisches gespielt werde. Dennoch schrieb Menuhin rückblickend: »Solange ich lebe, werde ich diesen Nachmittag nicht vergessen.«

Als »wunderbaren Abend« beschrieb die junge Anita Lasker(-Wallfisch), ehemals Cellistin im Mädchenorchester von Auschwitz-Birkenau, das Erlebnis: »Dass Menuhin geigerisch vollendet gespielt hat, ist wohl überflüssig zu erwähnen. Was seinen Begleiter betrifft, kann ich nur sagen, dass ich mir etwas Wunderbareres kaum vorstellen kann. Ich musste wie gebannt auf diesen Mann sehen, der auf seinem Stuhl saß, als ob er nicht bis drei zählen könnte, und so vollendet schön spielte.«

1947 kam Yehudi Menuhin erneut nach Deutschland. Diesmal sorgte er für helle Empörung. Als erster Jude nach der Schoa spielte er mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler. Ausgerechnet Furtwängler und dieses Orchester, die sich an der Verbannung jüdischer Komponisten und Musiker beteiligt hatten. Doch Menuhin sah die Konzerte mit ihnen als einen »Akt der Versöhnung« an und wollte die Musik und den »Geist Deutschlands« wiederbeleben. Im DP-Lager Landsberg erhielt der später bekannte, damals erst 14-jährige Maler Samuel Bak derweil den Auftrag, Menuhin für die Lager-Zeitung zu zeichnen. Die Redaktion schrieb unter dieses Bild: »Er spielt für den Teufel.«

Menuhin war der bekannteste, aber bei weitem nicht der einzige prominente jüdische Gastkünstler in den DP-Lagern. Die amerikanische Sängerin Emma Schaver beschrieb in ihrem Buch »Mir Zajnen Do!«, wie sie durch die Lager tourte: »Ich wollte zumindest meine Schuld gegenüber dem Volk begleichen […] Ich wollte die Lieder wieder aufleben lassen, die sie in ihrer Kindheit von ihren Müttern gehört hatten […]. Und je mehr ich sang, je mehr ich das Leuchten in ihren Augen sah und ihr stockendes Atmen hörte, desto stärker spürte ich, dass ich es ihnen schuldig war.«

Auch Molly Picon, eine Ikone des jiddischen Theaters und Films in den USA reiste mit ihrem Mann Jacob Kalich im Sommer 1946 durch europäische DP-Camps. Während des Zweiten Weltkriegs waren sie schon auf Militärstützpunkten in den gesamten USA und Kanada aufgetreten, und nun also vor den DPs, die sie aus ihren Filmen kannten. Picon udn Kalich hatten 1937 in Polen »Jiddle mitn Fidl« gedreht, die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich als Junge verkleidet, um mit ihrem Vater ihren Lebensunterhalt als Wandermusiker bestreiten zu können, und 1938 die Musikkomödie »Mamale«, der letzte jiddische Film, der vor Krieg in Polen. Molly Picon hat bei einem dieser DP-Auftritte ihr lustiges Lied »Ich hab a katarrh in mein nos« (Ich hab einen Schnupfen in der Nase) gesungen; es begann zu regnen, sie wollte aufhören und ein vierjähriger Junge soll ihr zugerufen haben. »Sing weiter, es regnet nicht! In ihrem Nachlass gibt es ein Notenblatt zu dem Lied und hier eine Audioaufnahme. Anhören

[Mozart, Moll & Partisanen]

Nicht nur Yehudi Menuhin hat bei den Konzerten in den Camps deutsche Klassiker gespielt. Kürzere E-Musik-Stücke, Ouvertüren und Opernarien (Verdi, Chopin, Mozart usw.) gehörten fast in jedes Programm. Noch beliebter aber waren Jazz, Bar-Musik und »Nostalgie-Musik«, also jiddische Lieder, die fast alle kannten und verstanden. Schließlich war es die Sprache der Mehrheit der DPs und die Melodien waren eingängig und leicht zu singen. Zu dieser Kategorie gehörten melancholische Volks- und Ghettosongs in Moll, ironische und mehrdeutige Revue-Lieder oder satirische Sketche. Und Partisanenlieder, die den Widerstand, die Heldentaten und die Stärke der jüdischen Nation priesen und in quasi jedem Programm vorkamen. Der Vorwurf, die Juden hätten sich »wie Schafe zur Schlachtbank« führen lassen, hat zu einer ambivalenten Haltung gegenüber den Opfern und zu Schuldgefühlen geführt, die durch eine kollektive Sinngebung beruhigt werden mussten. Und in deren Zentrum stand eben nicht die Mehrheit der Opfer, sondern die Minderheit der Partisanen- und Ghettokämpfer, die in diesen Liedern idealisiert wurden.

Aber auch der Jazz, der seit Mitte der 1920er-Jahre die musikalische Landschaft in Europa stark verändert hat, hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf jüdische Musiker. Jazz wurde in Polen schon seit Anfang der 1920er-Jahre gespielt, Jazz galt später in den von den Nazis besetzten Ländern als ein Art Akt der Rebellion, und zum anderen bedurfte es, um verzweifelte Lagen zu überstehen, eines Ventils. Jazz war so ein Ventil. Die Überlebenden versuchten auch mit dem Jazz eine Identität und eine Zukunft zurückzuerobern. Zudem weisen Klezmerd Jazz gewisse Ähnlichkeiten auf, hinsichtlich Instrumentierung, Aufführungsformat, Besetzungsgröße und Improvisation. All das finden wir in der Displaced Music wieder.

Ein Beispiel ist das Lied »Moes, moes« aus dem Warschauer Ghetto, das auf einem amerikanischen Jazz-Hit aus der Vorkriegszeit basiert und sich hier gegen die »Judenräte« richtet, also die jüdischen Verwaltungsgremien, die von den Deutschen zur Durchsetzung judenfeindlicher Maßnahmen verpflichtet wurden. Anhören

Moes, moes. Moes, moes, moes is di erste sach / Hostu nit kein moes, is zu dir a klo, / Gib awek di bone un sog a gutn tog / Moes, moes, moes is di beste sach. // Moes, moes, moes is di beste sach / Di jidishe gemine nemt fun uns danine / Un git doch uns zu esn brojt mit sacharine / Moes, moes, moes is di beste sach. // Moes, moes, moes is di beste sach / Ale fachn lign hajnt in dr‘erd / Nor di bekers rajtn ojfn ferd / Moes, moes, moes is di beste sach. Moes, moes, moes is di beste sach / In der hejm hob ich gegesn pomerantsn / Hajnt esn mich ojf di lajs mit di wantsn / Moes, moes, moes is di beste sach. // Moes, moes, moes is di beste sach / Der jidisher politsjant er is doch a lobuz / Zetst ajch ojf der maschine un schikt awek in ‚obus‘ / Moes, moes, moes is di beste sach. // Moes, moes, moes is a gute sach / Hostu nit kejn moes, hob jach far dir a plan: / Gib awek di bone, un rik sich in Pinkerts kestele aran / Moes, moes, moes is an ejdele sach.

Geld, Geld. Moos, Moos, Moos ist die erste Sache / Hast du kein Moos, gehts dir schlecht / Gib deine Lebensmittelkarte ab und sag »Auf Wiedersehen«. / Moos, Moos, Moos ist die erste Sache // Moos ist die wichtigste Sache / Die Jüdische Gemeinde zieht Steuern von uns ein / und gibt uns doch nur Brot mit Saccharin. / Geld ist die wichtigste Sache / Zu Hause habe ich Orangen gegessen, / heute werde ich von Läusen und Wanzen gefressen / Moos, Moos, Moos ist die erste Sache // Moos ist die wichtigste Sache / Der jüdische Polizist ist einfach ein Schurke, / er setzt dich in den Zug und schickt dich ins Lager / Moos, Moos, Moos ist die erste Sache // Moos, Moos, Moos ist eine gute Sache. / Wenn du kein Geld hast, habe ich einen Plan für dich: / Verschenke deine Lebensmittelkarte und kriech in Pinkerts kleine Kiste … / Moos, Moos, Moos ist eine edele Sache.

[Napoleon von Deggendorf]

Vor allem aber halfen fröhliche Lieder dabei, Lebensmut zu machen. Das DP-Camp Deggendorf bei Bamberg mit seinen 2000 DPs, die meisten aus dem Lager Theresienstadt, hatte eine besonders aktive Gemeinschaft. Hier wurden Zeitungen herausgegeben, es gab eine Bibliothek, eine Synagoge, eine Theatergruppe, eine koschere Küche, einen Konzertsaal, Berufsausbildung und sogar eine eigene Währung, den »Deggendorfer Dollar«.

Die vergleichsweise gute Infrastruktur war vor allem dem ersten Direktor des Lagers, Carl Atkin, zu verdanken. Als er im Dezember 1945 abgelöst und zum Koordinator für jüdische Angelegenheiten bei der UNRRA ernannt wurde, gab die DP-Gemeinde ihm ein Abschiedsfest und führte ein Kabarettstück (»Leben, Lieben, Lachen«) auf, samt selbst geschneiderter Kostüme, Bühnenbild und mit über 30 Mitwirkenden.

Vier kurze, ein bisschen anzüglich-kokette Lieder im Kabarettstil mit Klavierbegleitung sind in Text und Noten erhalten – ein Ausnahme –, weil die DPs sie Atkin in Leder gebunden zum Abschied überreicht haben. Die Eröffnungsnummer: »Wenn mein Freund, der Bill und ich auf den Bummel gehen, werden wir uns sicherlich beide bald verstehen. Pardon, Madame, so sprechen wir Sie an. Oh bitte, tanzen Sie mit mir, fangen wir gleich an: Heute bin ich so in Laune, heute küsst ich ohne Wahl eine Blonde, eine Braune, lieber Freund, das ist mir alles ganz egal. Heute bin ich so in Laune, Eins, zwei dreie wird gemacht. Ob es viere sind, fünfe sind, sechse sind, oder sieben, das macht mit gar nichts. Ich nehm auch acht.«

Danach folgte ein skurriles Seemannslied auf Englisch, mit Zeichnungen von Frauen in Matrosenuniform: »We clean and we scour the decks, then devour we bacon and eggs. We are happy sailors everytime, we love all the girls but we have no dime. – Elite of the sailors we are here, we like whisky, brandy and bier, and calls us the captain, we`re ready, we crie, are clever, are bold, we are sly. And calls us the captain, we`re ready, we crie, are clever, are bold, we are sly. (Wir putzen und schrubben die Decks, dann verschlingen wir Speck und Eier. Wir sind immer fröhliche Matrosen, wir lieben alle Mädchen, aber wir haben keinen Cent. – Wir sind die Elite der Seeleute hier, wir mögen Whisky, Brandy und Bier, und wenn der Kapitän uns ruft, sind wir bereit, wir schreien, sind schlau, sind mutig, wir sind schlau.)

Die dritte Nummer wurde von den »Deggendorfer Mädchen« dargeboten und war eine unglaublich rosarote Hommage an das Leben im Lager: Deggendorf you are the nicest camp for Jewish DPs / Deggendorf and everybody here is happy to be. / When one day we start from here away, / We all sing very sadly / We meet again in short time again with you / We all sing very sadly: / We meet again in short time again with you! (sic: Deggendorf, du bist das schönste aller Lager für jüdische DPs, Deggendorf, und alle sind froh, hier zu sein. Wenn wir eines Tages von hier weggehen, singen wir alle sehr traurig: wir treffen uns bald wieder.)

Das Finale ist eine komische, und sehr liebevolle Ode an den von allen verehrten Carl Atkin, illustriert mit einem kleinen Porträt von ihm: »Carl, o Carl, wie liebe ich dich doch, / O Carl, o Carl, doch du siehst mich nicht. / O Carl, o Carl, erbarm Dich meiner noch, / O Carl, o Carl, so geht`s weiter nicht, / so geht`s weiter nicht. / Wenn du morgens mit dem Auto / angesaust kommst wie Apoll, bin ich vor Liebe toll. // Du bist mein Traum, Du bist mein Ideal / bei Tag und Nacht, doch Du fühlst es nicht. / Du bist Napoleon von Deggendorf / auf den wir schaun, doch Du merkst es nicht. / Manche möcht mit Dir nach Elba / ob aus Lodz, aus Wien, aus Pest / doch Du Dich nicht besiegen lässt. / Oh Du, Napoleon von Deggendorf / gehst Du von hier / bleibt mein Herz bei dir, bleibt mein Herz bei dir.

[Happy Boys]

Neben dem Ex-KZ-Orchester gab es eine zweite Profi-Truppe, die durch die DP-Lager tingelte: die Happy Boys Band. Anders als das mehrheitlich aus litauischen Musikern bestehende Ex-Kz-Orchester, stammten die »Happy Boys« aus Polen. Chaim, Elek, Henryk, Avrum, Szlamek, Fischl, Lutek, Josek und die Lewin-Brüder Ignaz, Josl und Abram … Die meisten waren Musiker im Ghetto Litzmannstadt gewesen und fünf von ihnen zuletzt Teil der Lagerkapelle »Schweinestalle« (von den Aufsehern auch »Micky-Maus-Kapelle« genannt) in Flossenbürg. Von dreien, die am 23. April 1945 auf dem Todesmarsch nach Dachau von den Amerikanern befreit wurden, wissen wir etwas mehr:

Chaim (Henry) Baigelman kam aus einer großen Familie von bekannten Klezmermusikern in Łódź. Nachdem die Nazis 1940 die Baigelmans und 160.000 andere Juden der Stadt in ein Ghetto gezwungen hatten, richtete der Judenrat ein Kulturhaus ein. Chaims Bruder Dawid, der schon vor dem Krieg ein gefeierter Geiger und Komponist gewesen war (u.a. hat er die Musik zu Anskys Theaterstück »Der Dybbuk« geschrieben), wurde Dirigent des Kulturhaus-Sinfonie-Orchesters, in dem Chaim Geige und Saxophon spielte, sofern er nicht in einer Fabrik Mützen für die deutsche Wehrmacht herstellte. Chaim und Dawid wurden mit der gesamten Familie nach Auschwitz deportiert und Chaim hat als einziger von neun musikalischen Geschwistern überlebt. Nach seiner DP-Zeit ist er mit seiner Frau Gita in die USA ausgewandert und hat ein neues Leben in der Immobilienbranche begonnen.

Henry (Chaim) Eisenman, 1919 in der Kleinstadt Wierzbnik geboren, kam als zweijähriger mit seiner Familie nach Łódź. Sein Vater Menachem (Mendel) spielte dort im Sinfonieorchester und auch Henry ging aufs Konservatorium und steuerte dann als Musiker auf Hochzeiten und Parties zum Unterhalt der Familie bei. Der junge Mann hätte gern das so katholische wie antisemitische Polen verlassen, aber dazu fehlte ihm das Geld und die Verbindungen im Ausland. So wie Baigelman musste auch Eisenmans Familie ins Ghetto und so wie Baigelman spielte auch er hier im Kulturhaus-Orchester: Beethoven, Brahms, Bach, Tschaikowsky; wenn er nicht gerade Gräben ausheben und die Kanalisation reinigen musste, während seine Mutter Ethel in einer Stroh-Fabrik und sein Bruder in einer Schuhfabrik schufteten. Im August 1944 wurde das Ghetto liquidiert und alle, die noch nicht verhungert oder an Krankheiten gestorben waren, nach Auschwitz deportiert. Henrys Eltern wurden gleich nach der Ankunft ermordet, sein Bruder Abraham wurde von einem SS-Mann erschlagen, seine Schwester starb kurz nach der Befreiung in Bergen-Belsen. Von Eisenmans Familie mit 300 Mitgliedern haben nur sieben oder acht überlebt und von der engeren Familie nur er und sein Bruder Josef (Joe). Die beiden wurden erst in ein Außenlager von Groß-Rosen verlegt, wo sie im Steinbruch arbeiten und Bäume sprengen mussten, Ende Januar 1945 nach Flossenbürg überstellt, wo sie nebenbei Akkordeon und Geige für die Gefangenen und die Kapos spielten, bis sie wie Baigelman auf den Todesmarsch Richtung Dachau geschickt und unterwegs befreit wurden. »Mein erster Gedanke: Wer kümmert er sich jetzt um mich?«, sagte Eisenman in einem Interview. »Wir aßen am ersten Abend mit einem jüdischen Offizier Ofenkartoffeln und tranken Champagner. Und wurden alle krank.« Und: »Ich habe bei vielen Deutschen noch Hass gespürt, dass sie versagt haben, weil wir noch da waren.« Henry Eisenman schrieb wie Baigelman Lieder, wanderte im Juli 1948 nach Kanada aus, heiratete Anna und bekam einen Sohn: Mark.

Jack Eisner, als Jacek Zlatka in Warschau geboren, hat ein Buch über seine Zeit bei den »Happy Boys« geschrieben und 1993 ein Denkmal für die anderthalb Millionen ermordeten Kinder auf dem jüdischen Friedhof in Warschau finanziert. Die Inschrift lautet: »Oma Masza hatte zwanzig Enkelkinder; Oma Hana hatte elf; nur ich habe überlebt. Jacek Eisner«.

Eisner hatte am Musik-Konservatorium studiert, war am Aufstand im Warschauer Ghetto beteiligt, hat Majdanek und Flossenbürg überlebt, und wurde mit 19 Jahren wie Baigelman und Eisenman auf dem Weg nach Dachau befreit: »Plötzlich ertönte hinter mir lautes Geknatter. Ich traute meinen Augen kaum, als ich die SS-Männer in den ringsum gelegenen Wald stürmen sah. Geradezu panisch lenkten sie ihre Motorräder querfeldein. Waffen und Ausrüstung ließen sie einfach zurück. Schon im nächsten Moment rollte ein riesiger grüner Panzer auf mich zu. Ich sprang in den Straßengraben. Der Panzer fuhr vorbei. Gefolgt von einem zweiten. Dann noch einer. Ich sah den Stern auf den Seiten. Einige Soldaten feuerten auf die SS-Männer, andere warfen kleine Pakete auf die Straße. Ich hob eines auf und hielt es ungläubig in den Händen. Darauf stand: »U.S. Army, Ration C«. »Amerikaner!« rief ich, so laut ich konnte. Ein Freudenschrei, der wie ein Echo durch die Reihen der Marschierer lief. »Amerikaner! Amerikaner!«

Die jungen Männer waren nun frei, plötzlich, in einem feindlichen Land sich selbst überlassen und wussten wie die meisten anderen zunächst nichts mit dieser Freiheit anzufangen. »In den ersten Wochen und Monaten«, so Jack Eisner, »erhielten wir Juden keinerlei Unterstützung, weder Wohnraum, noch Geld noch eine ärztliche Behandlung. Ich selbst litt wie viele fast permanent unter Zahnschmerzen, seit mir die Nazi-Sadisten mehrere Zähne ausgeschlagen und den Kiefer gebrochen hatten.« Ohne die Hilfe eines jüdischen Arztes, der die Praxis eines Deutschen besetzt hatte, hätte er nicht einmal ein Stück Brot kauen können. Da sie kein Geld für Lebensmittel hatten, »stahlen wir sie von den Bauern der Umgebung«. Und sie machten in einem bayrischen Kaff namens Meisenberg Jagd auf Nazis – mit Pistolen und Klappmessern, die sie sich irgendwo besorgt hatten: »Wir wollten Rache. Büßen sollten die Deutschen – die Täter und die Mitläufer – für jeden Atemzug, denen sie denen geraubt hatten, die wir liebten. Wir wollten ihnen heimzahlen, was sie uns angetan hatten.» Doch der übermächtige Wunsch war so leicht nicht zu befriedigen: »Es war erst ein paar Tage her, dass wir ein ganzes Dorf zusammengetrieben hatten – drauf und dran, ihr Gotteshaus anzuzünden, ihre Häuser niederzubrennen, ihnen den Besitz zu nehmen, ihr Leben. Doch dann habe ich ihre Tränen gesehen und die verängstigten Kinder, die sich an ihre Mütter klammerten. Ich sah die Alten sich hinknien und bekreuzigen. Wütend stieß ich sie um. Ich hatte niederträchtig und brutal sein wollen. Aber jetzt wusste ich, dass ich es niemals fertig bringen würde. Ich wusste, dass ich nicht Gleiches mit Gleichem vergelten konnte … Ich wusste, dass ich niemals würde vergessen können. Doch jetzt war es Zeit, an die Zukunft zu denken.«

In der bayerischen Kleinstadt Cham »konfiszierten« die Jungs schließlich ein Haus, das sie während der nächsten Jahre wie eine WG bewohnten. Sie requirierten zwei private PKWs und einen ehemaligen Sanitätstransporter für ihre Schwarzmarktgeschäfte, denn sie wollten alle nach Amerika und brauchten Geld für ihren Traum. Doch alle hatten sie auch mit Musik zu tun. »Wir sprachen jetzt viel über Musik, vielleicht auch, um nicht über das sprechen zu müssen, was hinter uns lag« und so kam sehr bald die Idee auf, eine Band zu gründen: »Die Idee war verlockend. Wir würden durch das besetzte Deutschland ziehen und in den Flüchtlingscamps und in US-Militärclubs auftreten. Vielleicht würden wir Familienangehörige und überlebende Freunde finden, vielleicht sogar wieder Spaß am Leben haben. Ja, dachte ich, das ist eine Zukunft«, schreibt Jack Eisner.

Eisner mit seiner Mutter, die er – fast wie ein Wunder – im Sommer 45 in Polen wiedergefunden hat

Doch bevor diese Zukunft beginnen konnte, brauchten Jack & Co erst einmal Instrumente. Chaim Baigelman hatte im Garten seiner Eltern in Lódz Musikinstrumente vergraben und dem frechen Jacek Eisner, den alle »den Warschauer« nannten, traute er zu, sie zu holen. Jacek, Josek und Lutek passierten als GIs verkleidet die streng kontrollierten Ländergrenzen, und es gelang ihnen in einer abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktion tatsächlich, Instrumente – ein Tenorsaxophon, eine Klarinette, ein Querflöte, Geigen und Notenblätter – auszubuddeln, und am Ende mit viele Glück und Schmiergeldern heil nach Bayern zurückzukehren. Und endlich – zwei Monate nach ihrer Befreiung, und mit Hilfe eines amerikanischen Hauptmanns, der ihnen Anzüge und weitere Instrumente aus der Tschechoslowakei besorgte, konnten sie endlich ihre Band gründen.

Laut Jacek Eisner lieferte er selbst oder der US-Captain Russel die Idee für den Namen der Band: »The Happy Boys« – das klang so schön amerikanisch und sollte den Musikern selbst und ihren Zuhörern Mut machen. Nach einer anderen Version war es aber Chaim Baigelman, der den Namen als Hommage an die außerordentlich populären »Jolly Boys« (siehe hier) ausgesucht hatte, eine jüdische Jazz- und Swing-Truppe, die das Glück hatte, sich bei Kriegsbeginn zufällig in Teheran aufzuhalten, weil sie kurz vorher bei den Hochzeitsfeierlichkeiten für den späteren Schah gespielt hatten und so auch gerettet wurden – bis auf ein Bandmitglied, nämlich der Pianist Artur (Abraham) Baigelman, Chaim Baigelmans Bruder. Der war in Polen geblieben und 1944 wie der Rest der Familie ermordet worden.

Die »Happy Boys« kamen gut an in den Camps. »Für viele Ex-Häftlinge waren wir das größte Ereignis seit der Befreiung«, schreibt Jack Eisner. Sie fuhren im eignen Lastwagen (im Unterboden immer ihre Schwarzmarkt-Waren dabei) von Lager zu Lager, von Pocking bis Bergen-Belsen, von Deutschland nach Österreich und sie spielten in den Offiziers-Klubs der Streitkräfte. Hier war man begeistert von den Notenständern der Jungs mit dem pinkfarbenen Schriftzug »the happy boys« auf weißem Grund, wie Eisner und Eisenman sich erinnerten, und natürlich von deren Repertoire: »Chattanooga Choo-choo«, »In the Mood« und andere Big-Band-Nummern, aber auch Operetten-Ouvertüren, Kabaretteinlagen und jiddische Volkslieder, zu denen Baigelman neue Texte schrieb. Viele dieser Lieder ähnelten bekannten Stücken aus dem Ghetto, erinnerten in ihren Klavierparts aber auch an Jazz-Rhapsodien der 40er-Jahre. Ein Lied war »Es bengt sich nuch a Hajm«, das von einem Mann namens Stranski komponiert und von Baigelman mit einem neuen Text versehen worden war, der den Schwebezustand im »Warteraum« DP-Lager schildert und in dem am Ende aber die Hoffnung und die Zukunft siegt: Anhören

Es bengt sich nuch a Hajm: A schlechter chulim is dus bestimmt gewejn / Jejder sejt erscht jetzt, wus es is geschejn / Dus beste is awek, es is a grojl a schrek, a schrek! / Wi men gejt un stejt / wen es sol nischt sajn / Umetum hert sich dus selbige gewajn/ Jejder ajner filt dem tifen schmerz wus ich, wajl … Refr. Es bengt sich nuch a Hajm / Wi ge‘int men si ojf der welt? / Es bengt sich nuch a Hajm / Jejder weig is far uns ferstelt / Hofen darf men doch, es ken nischt anders sajn / Damuls ken dus leben erscht sajn schajn / Mit chajn, und gliklich sajn! (…) Es is gewejsen schlecht / Oif gut hot sich doch gebajt / Jetzt darf men lejben / Wajl es is di zeit!!

Deutsch: Es war bestimmt ein schlechter Traum / Alle wissen erst jetzt, was geschehen ist / Das Beste ist weg, es ist ein Grauen, ein Schrecken, ein Schrecken! / Wie man geht und steht, ganz gleich wo / Überall das gleiche Weinen / Jedermann fühlt den tiefen Schmerz wie ich, denn … Refr. Man sehnt sich nach einem Zuhaus / Wo findet man es auf der Welt? / Man sehnt sich nach einem Zuhaus / Doch alle Wege sind weit und verstellt / Aber hoffen muss man doch, es kann nicht anders sein kann. / Denn nur so kann das Leben erst schön und man glücklich sein (…) Es war schlecht, aber das Gute hat sich doch durchgesetzt / Jetzt muss man leben! Denn es ist Zeit!

Cham, der damalige »Heimatort« der Happy Boys entwickelte sich indes zu einem wahren Flüchtlingszentrum. Fast täglich trafen neue Gruppen ein, darunter immer mehr Frauen und Kinder. Viele der Neuankömmlinge wurden vorübergehend in Hotels einquartiert. Doch auch die reichten bald nicht mehr aus. Also wurden weitere Notunterkünfte in Häusern eingerichtet, die die Amerikaner konfisziert hatten. Außerdem wurde die alte Synagoge provisorisch wieder hergerichtet, allerdings ohne Tora, die war von den Deutschen 1938 auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt worden. Nun reiste ein jüdischer Geistlicher der US-Army eigens aus Regensburg an, um mit den DPs in Cham das Jom-Kippur-Fest zu begehen, das erste in Freiheit seit so langer Zeit. Doch von den Hunderten Flüchtlingen in Cham kam nur eine Handvoll in die Synagoge. Die meisten überlebenden Juden, hatten sich enttäuscht von Gott abgewandt. Schon im KZ hatten sie schreibt Eisner, die besonders Gläubigen unter den Mithäftlingen verhöhnt: »Dein Gott sitzt gerade mit Hitler beim Abendessen in Berlin, und wie es scheint, genießt er seine Gesellschaft.« Für viele waren Gott und Religion gestorben und in Rauch aufgegangen.

Jack Eisner berichtet auch von Silvester 1945, als sie spielen sollten und Avrum plötzlich aufsprang und aus dem Fenster auf die Straße starrte, wo sich die deutschen Gläubigen mit Kerzen, Heiligenbildern und Kreuzen ausgestattet, langsam Richtung Kirche begaben: »Avrum öffnete das Fenster und schrie hinunter: »Mörder! Scheinheiliges Pack! Gestern habt ihr noch unsere Familien umgebracht, und heute spielt ihr die aufrechten Christen!« Seine heisere Stimme schallte mitten hinein in den »Stille Nacht, heilige Nacht«-Gesang. Avrum packte derart die Wut, daß er hinunter auf die Straße stürmte (…) mit lautem Schluchzen das Schicksal seiner Familie beklagte und drohend die mittlerweile gänzlich geleerte Flasche nach den stumm dastehenden Christen reckte. »Mörderpack! Was erzählt ihr Gott, wenn ihr in eurer Kirche sitzt? Beichtet ihr ihm, daß ihr meinen Bruder und meine Schwester auf dem Gewissen habt?«

[Rhapsody 1939–1945]

»Das jüdische Volk war in einem so tiefen Zustand der Verzweiflung, dass nur noch Singen helfen konnte. Wenn man singt, selbst wenn es ein trauriges Lied ist, verschwindet die Einsamkeit; man hört auf die eigene Stimme… Singen ist Hoffnung.« Das hat Die Auschwitz-Überlebende Miriam Harel einmal gesagt. Das Gedenken und die Hoffnung beschränkten sich jedoch nicht auf sprachgebundenes. »Lieder ohne Worte« hatten eine ähnliche Funktion und Wirkung, so wie Leo Spellmans »Rhapsodie 1939–1945«. Leo Spellman, der ebenfalls zu den »Happy Boys« gehörte, wurde als Lazar Szpilman, 1913 in Ostrowiec geboren. Er war der Sohn eines berühmten Geigers, begleitete schon mit neun Jahren Stummfilme am Klavier und schloss sich einer Wanderkapelle an, als der Tonfilm ihn arbeitslos machte. Im Ghetto Ostrowiec gründete er ein Orchester und brachte einem deutschen Wachmann das Akkordeonspiel bei. Der half Leo und seiner Frau dafür zu entkommen; sie lebten monatelang im Wald, bis ein polnischer Student sie aufnahm und ihnen anderthalb Jahre lang bis zur Ankunft der Roten Armee Unterschlupf gewährte. Auch Spellman floh nach Kriegsende aus Polen, landete im DP-Camp Fürstenfeldbruck und war Pianist im Offiziersklub, als er seine Rhapsody komponierte, weil er »immer davon geträumt hatte, die Nazis zu überleben, um der Welt zu erzählen, was geschehen war, sich aber immer auch fragte: ‹Wie habe ich das überhaupt überlebt?›«

Das Stück besteht aus drei Teilen: einem martialischen Anfang, der die Schrecken und Geräusche des Krieges widerspiegelt, einem ruhigeren Klavier-Part, der das Leid zum Ausdruck bringt, und einem hoffnungsvollen Ende mit Klezmer-Anklängen. Bei der Uraufführung übernahm Leo Spellman den Klavierpart und die »Happy Boys« musizierten auf ihren Streich- und Blasinstrumenten. Spellman hörte sich das Stück danach nie wieder an – bis das United States Holocaust Memorial Museum Wladyslaw Szpilman (der Protagonist des Spielberg-Films »Der Pianist«) um eine Komposition bat und der das Museum an seinen Cousin Leo verwies, der 1948 mit seiner Frau Mania nach Toronto ausgewandert war. Seine Rhapsody wurde dann im Jahr 2000 unter seiner Leitung in den USA aufgeführt und kurz vor seinem 100. Geburtstag und Tod 2012 auch in Toronto. Anhören

[Ressentiments]

Von den Musikern selbst sind bis auf einige Rache-Phantasien kaum Aussagen darüber überliefert, wie das war, tagtäglich den potenziellen Mördern ihrer Familien zu begegnen, wie sich die Deutschen oder die Amerikaner ihnen gegenüber verhalten haben usw. Die Versorgungslage 1945 war katastrophal, die Wohnungsnot kaum zu bewältigen, Landsberg überlaufen von Flüchtlingen aller Art. Arbeit gab es kaum, Verwaltung, Justiz, Polizei mussten neu organisiert und besetzt werden, und nun kamen die Juden, machten sich vor den Augen der Einheimischen breit und bekamen von den »Besatzern« auch noch die konfiszierten Wohnungen und Geschäftsräume zugewiesen oder das kalorienhaltigere Essen oder wurden bei der Vergabe von Handelslizenzen bevorzugt. Es entwickelte sich schnell Neid, der bald in offenen Hass umschlug. Aber nicht nur bei den Minderbemittelten. Thomas Manns Tochter Erika, die die Nürnberger Prozesse für amerikanische Zeitungen beobachtet hat, erinnerte sich an Bemerkungen, die bei einem exklusiven Fest fielen, bei dem US-Offiziere und deutsche Champagner-Nazis in bester Eintracht edle französische Tropfen tranken und sich über das »jüdische Ungeziefer« ausließen.

Mit den Wehrmachtssoldaten in St. Ottilien und mit den Verurteilten der Nürnberger Prozesse hatten die Einheimischen weniger Probleme. Für sie wurden Krippenspiele aufgeführt, musizierte die Stadtkapelle, überreichte man Geschenkpakete und die Landsberger Honoratioren vom Pfarrer, über den Bürgermeister, bis zum Landrat wurden im Gefängnis persönlich vorstellig. Und während die Überlebenden weiter auf ihre Auswanderung warteten, begannen die Deutschen, sich spätestens nach den Nürnberger Prozessen aus reumütigen Sündern in wehklagende, unschuldige Opfer zu verwandeln, die von nichts gewusst hatten.

Die ebenfalls in einem bayrischen DP-Lager gestrandete Ukrainerin Malke Kelerikh hat 1948 in ihrem Buch »Zurik zum lebn« in Form eines fiktiven Briefes die Atmosphäre unter ihren deutschen Nachbarn beschrieben: »…Es mag durchaus sein, sagen sie, dass es unter ihnen solche verkleidete, maskierte Leute gibt, die den Deutschen geholfen haben, Juden auszurauben und umzubringen, aber sie wissen nichts von ihnen. Mit solchen Leuten haben sie nichts gemein, und die Juden haben sie furchtbar gern. Würden sie einen Nazi schnappen, sie würden ihn höchstpersönlich in Stücke reißen. Aber wo schnappt man so einen? Versuch mal, einen Nazi zu finden. Hier im Zentrum, im Brenn- und Angelpunkt von Hitler und seiner Bande. Wo sind sie alle hingekommen? Man weiß es nicht. Sie sind nicht da. Punkt. Sind nicht da und auch niemals da gewesen. Es gibt sogar eine Frage auf den amtlichen Fragebögen: »Waren Sie ein Nazi? Haben Sie für Hitler gearbeitet?« Falls nicht, musst du mit einem »Nein« antworten und Punkt. (…) Du kannst Dir ja nicht vorstellen, wie wir für nichts und wieder nichts die Deutschen beschuldigt haben. Nicht einer hat Hitler gekannt, von den Nazis ganz zu schweigen. Und von den Lagern und den Verbrennungsöfen haben sie überhaupt keine Ahnung. Sie wussten natürlich schon, dass es Lager gab, weil, wie konnte man nichts davon wissen, wenn man sie doch vor der Nase hatte, wie zum Beispiel das berühmte Dachau bei München und all die andern? Aber sie haben gemeint, dass man die Juden dort einfach nur festhielt. Man wollte nicht, dass sie mit den Deutschen zusammen sein sollten. Verstehst Du!? (…) Manchmal kommt es vor, dass man einen Nazi schnappt, einen Henker, der in jüdischem Blut badete und man sperrt ihn ein, und dann muss man Zeugen finden. Na, dann weck sie mal auf, die Toten, die Verbrannten, damit sie Zeugenaussagen machen. (…) Damals, als man unsere Eltern und Brüder und unsere Kinder in die Gaskammern steckte und in den Krematorien verbrannte, züchteten sie Rosen, zogen kleine Hündchen auf. Und so führen sie jetzt ihr Leben, unsere Mörder. Niemand, Gott behüte, greift sie an. Niemand macht ihnen Vorwürfe oder beschuldigt sie. Im Gegenteil: Die Welt hat schon beschlossen, dass das »Volk« unschuldig ist. Schuldig sind nur ein paar wenige. …«

Titelseite „Zurik zum Lebn“ von Malke Kelerikh, 1948

Aber es waren nicht nur Deutsche, die ihre Ressentiments auslebten oder die nicht in der Lage waren, Verständnis für die entwurzelten, traumatisierten Überlebenden aufzubringen. Eine amerikanische Beobachterin nannte sie »asozial«und »neurotisch«; Mayor Heymont, der Chef des Landsberger Camps, schrieb, dass manche Amerikaner der Ansicht waren, die jüdischen DPs seien »schmutzig, faul und laut« und würden nach besonderen Privilegien schreien, anders als die »sauberen, freundlichen, ehrerbietigen« Deutschen. Der größere Teil sei sich der Notlage der DPs zwar bewusst, so Heymont, gleichzeitig aber wären die DPs ihnen lästig, weil sie alle Welt davon abhielten, den Wiederaufbau von Deutschland voranzutreiben.

Der Schoa-Überlebende und spätere Literaturnobelpreisträger Elie Wiesel, dessen Schwestern Bea und Hilda 1944 von Auschwitz nach Kaufering deportiert worden waren, hat das menschliche Versagen der Amerikaner als unmittelbar Betroffener zu spüren bekommen: »So stolz wir auf die Großzügigkeit sind, die Amerika im Kampf gegen Nazid-Deutschland gezeigt hat, so beschämt und bestürzt sind wir über das Verhalten gegenüber den jüdischen Opfern Hitlers. Es ist ganz klar: Dieses offene, großzügige Land hat seine Türen und seine Herzen vor den europäischen Juden der Ghettos verschlossen. Selbst 1945, nach dem Sieg, wollte es noch nichts mit ihnen zu tun haben.«

Jack Eisner seinerseits, der wie die anderen Band-Mitglieder lange auf eine Einreisegenehmigung in die USA hatte warten müssen, schrieb, »dass Anträge von Juden oft aus fadenscheinigen Gründen abgewiesen oder ihre Bearbeitung systematisch verzögert wurde. Zudem nahm es auch das demokratische Amerika mit der Moral nicht immer so genau, wenn es darum ging, ehemalige Nazis und Kollaborateure ins Land zu lassen.«

Auch das Credo amerikanischer Offizieller, man solle »Wert auf das Vergessen« legen und die Vergangenheit hinter sich lassen, war nahezu identisch mit dem der Deutschen. Es galt das Gebot der »Stunde Null«. Und dass Menschen, die durch die Hölle gegangen sind, Empathie und Therapien und brauchen, hat niemanden interessiert.

[1946. Ben Gurion und Nürnberg]

Am 27. Januar 1946 trafen sich jüdische Funktionäre und Delegierte aus den DP-Campsder zum ersten Kongress des »Zentralkomitees der Befreiten Juden« im Rathaus von München, der ehemaligen »Hauptstadt der Bewegung«. Bei dieser »Conference of liberated Jews« richtete David Ben Gurion in Anwesenheit zahlreichen Journalisten eine Rede an die vier Alliierten-Führer, in der es erstmals wieder öffentlich um Juden ging, die dank charismatischer Anführer wie Ben Gurion nun nicht länger nur als passive Masse wahrgenommen wurde. Wie die anderen Redner forderte Ben Gurion die sofortige Errichtung eines jüdischen Staates: »Es muss ein Land in der Welt geben, in dem die Juden die Mehrheit haben – und dieses Land ist Erez Israel … Das jüdische Volk hat Palästina begründet und Palästina hat das jüdische Volk hervorgebracht« usw.

Ben Gurion, neben ihm steht Zalman Grinberg, der Leiter der Krankenstation in St.Ottilien, 27.1.1946, München

Musikalisch begleitete »unser« Ex-KZ-Orchester die dreitägige Veranstaltung. Kurz darauf schlossen das »Zentralkomitee,« die UNRRA und der Joint einen Vertrag mit dem Orchester. Er sicherte die Musiker finanziell ab, dafür musste sie sich ihr Repertoire allerdings jeweils vom Zentralkomitee genehmigen lassen und noch einmal den Namen ändern. War sie anfangs als »Jidiszer EX. K.Z. Orkester in Bayern«, danach als internationaler klingendes »Jewish Ex-Concentration Camp Orchestra« und dann neutral als »Jewish Orchestra in Bavaria« unterwegs, hießen sie von nun an etwas propagandistisch angehaucht »Reprezentanc Orkester fun der Szeerit Hapleitah« (das Orchester, das den übrig gebliebenen Rest repräsentiert).

Einen Monat später sagte Avraham Sutzkever aus dem Ghetto Wilna als erster jüdischer Zeuge überhaupt bei den Nürnberger Prozessen aus. Gut zwei Monate später, am 7. Mai 46, fuhr auch das Repräsentanz-Orchester in die Stadt der Rassegesetze, um vor den Juristen des internationalen Militärtribunals ein Konzert zu geben, wie schon im Januar in München. Ort des Auftritts war diesmal die Oper, in der Hitler und seine Entourage so gern Wagner-Aufführungen gelauscht hatten. »Als sich der Vorhang hob, waren die hohen Gäste angesichts des Bühnenbildes sichtlich berührt«, schrieb ein jüdisches Blatt: »Auf der rechten Seite ein bisschen im Schatten einer Palme, prangte ein großer Davidstern mit der hebräischen Aufschrift ›Zion‹». Die mit der Dekoration verfolgte Botschaft war auch hier klar: ein eigener Staat für die verfolgten Juden. Die Musiker spielten erst Meyerbeer, Rossini und Offenbach und dann Ghetto- und Partisanenlieder. Henia Durmashkin ging auch Jahrzehnte später aber vor allem ein Lied immer noch nicht aus dem Kopf, das ihrer Meinung nach damals den meisten Applaus bekommen hatte: »Tzu ejns, zwaj, draj«. In ihm geht es um die unerbittliche Plackerei im Ghetto. Doch wir kennen es alle unter dem Namen »Einheitsfront-Lied« von Hanns Eisler und Bertolt Brecht; Leib Rosental hatte es im Ghetto Vilnius umgeschrieben. Anhören

Es hot uns dos lebn gerufn, / Dos lebn fun sunike teg / Hot jeder in land, asoj munter gespant, / Un basunder gegangen in weg. / Zu ejns, zwaj, draj — / Zu ejns, zwaj, draj / Af arbet in weg sikch gelost / Jeder trot hot sajn klang. / Jeder weg, sajn gesang. / Wen du wejst wu du gejst un far wos. // ltst is far uns farwert trotuarn, / Chotsch andere gejen dort fraj, / Un mir, tut a kuk / Afn stejnernem bruk, / Unter ajserne klep fun nagaj. / Zu ejns, zwaj, draj / Zu ejns, zwaj, draj / Dem bruk hot men uns nor gelost / Hot der trot asa klang / Gor an ander gesang / Wen du gejst un du wejst nit far wos. // Es hobn alte un junge / Dos lebn gebojt un gehoft. / Bis es hot asa schwerd / Alts farwischt fun der erd / Un gefirt hot men uns wi di schof. / Zu ejns, zwaj, draj / Zu ejns, zwaj, draj / Asoj wi di schof sich gelost. / Wu dajn wajb, wu dajn kind? / Wu dos gantse gesind? / Kejnerweys nit wuhin un far wos. // Nor, bruder, an anderer ritem / Wet bald zu dajn ojer dergejn. / Un di, wos far schrek, / Gewen erscht farstekt, / Schpanen mit uns / Nit alejn. / Zu ejns, zwaj, draj / Zu ejns, zwaj, draj / Di geslech, dem tojer farlost / S’hot der trot asa klang / Gor an ander gesang. / Wen du gejst, un du wejst schojn far wos.

Deutsch: Einst lockte das Leben, / ein Leben voll heller, sonniger Tage. / Und alle, ohne nachzudenken oder zurückzublicken, / gingen fröhlich ihre eigenen Wege. / Eins, zwei, drei – eins, zwei, drei, / auf dem Weg zur Arbeit verging die Zeit wie im Flug; / jeder Schritt klang kräftig, / jeder Weg hatte sein eigenes Lied – / wenn man weiß, wohin man geht und warum. // Uns ist der Bürgersteig nun verwehrt, / während andere frei darauf gehen dürfen. / Und wir – man muss es wissen – / wir gehen auf dem harten Straßenpflaster, / unter Peitschenhieben und roher Gewalt. / Eins, zwei, drei – / eins, zwei, drei, / auf der Straße ziehen wir dahin. / Der Schritt ist nicht mehr kräftig, / und das Lied klingt ganz anders, / wenn man geht, ohne zu wissen, warum. // Die Alten wie die Jungen / bauten sich ein Leben in der Hoffnung auf künftiges Glück, / doch dann wurde ein scharfes Schwert geschleudert, / das alle Träume aus der Welt tilgte – / und wie arme Schafe wurden wir fortgeführt. / Eins, zwei, drei – / eins, zwei, drei, / wie Schafe wurden wir behandelt. / Wo ist dein Kind, wo ist deine Frau? / Was ist der Sinn des Lebens? / Niemand weiß, wohin oder warum. / Doch Bruder, ein neuer Rhythmus / wird ein neues Lied an dein Ohr bringen. / Und wer sich einst aus Angst / versteckte und nicht heranzutrauen wagte, / der wird nun mit uns marschieren – / Seite an Seite. / Eins, zwei, drei – / eins, zwei, drei, / Lebt wohl, ihr Gassen und Tore! / Jeder Schritt klingt nun kräftig / und bringt ein ganz anderes Lied – / wenn man geht und endlich weiß, warum.

Der Judenstaat ließ indes auf sich warten. Inzwischen hatte sich jüdische Heimatlose, auch aus den deutschen DP-Lagern, 1947 auf dem Schiff »Exodus« illegal nach Eretz Israel auf dem Weg gemacht. Doch die Briten ließen die Passagiere nicht an Land. Nach kurzem Gefecht zwischen Briten und jüdischen Untergrundeinheiten wurde das Schiff in den Hafen Haifa geschleppt und die jüdischen Flüchtlinge an Bord britischer Kriegsschiffe nach Europa zurückgeschickt. Sie konnten erst nach Gründung des Staates Israel 1948 einwandern.

Exodus-Passagiere, die zwangsweise in das DP-Lager Poppendorf zurückgebracht wurden. Henry Ries, 8.9.1947

Damals haben Shmerke Kaczerginski und Sigmund Berland (der auch bei den »Jolly Boys« gespielt hat), ein Lied darüber geschrieben: »Gesche(h)n«, später »Exodus 47« genannt. Es handelt von einem Jungen und seine Mutter, die auf dem blauen Meer treiben und hoffen, endlich ein sicheres Ufer zu erreichen. »Wir haben genug gewartet… Und es wird geschehen, wir werden alle gemeinsam das Heilige Land erreichen und wieder eine Nation werden.« Anhören

Frai schwimen schifn af jamen / Di mastn flatern zum bloi / Nor ich mit majn oremer mamen / Bahaltn muss ich afn dno. // Di schif mus in ergets antrinen / Es sol unds kejner nit gefinen / O schturem wint oder breng mamen kind / Gich zum breg dem gegartn. / Genug schojn gewart! // Refr. S`wet gescheen, s`wet gescheen / Un mir ale weln wider sajn zusamen / Ir wet sen, ir wet sen / Ojch unser schif wet schwimen fraj af ale jamen. // Unser hejliker farlang / Um zu kern sich in land fun di newiim / Wet mekujem wern, ch`her schojn di gesangen / Wi men bentscht uns: bruchim-habaim! // Der nazi uns schtupt uns fartribn / Mir mussn alts baj im noch sajn / Jesojmim mir sajnen geblibn / O wer wet sich merachem sajn /Lange dos folk hot bakumen / Farfoglte mir mussn schtumen / O brider sogt / Wen wet kumen der tog / Unser tog der gegarter / Genug schojn gewart! // Refr. … // Gebrojst hot der jam dan fun zorn / Mit farpajnikte fun weg / Doch sajnen mir jinger geworn / Wen mir hobn dersen dem breg / Un chotsch bin gewen dan farmatert // Hob ich sich wi a fon tseflatert / Scholem! mir rufn nor plutsem krigshifn / Bafaln ojs glik men firt uns zurik / / Refr. Nor s`wet geschen, s`muz geshen…

[Bernstein und das Ende der Displaced Music]

Sein denkwürdigstes (und letztes öffentliches) Konzert gab das DP-Orchester am 10. Mai 1948, vier Tage vor Gründung des Staates Israel, im Lager Landsberg. Leonard Bernstein war im Rahmen einer Dirigiertournee durch Europa nach München gekommen: »München ist ein Chaos«, berichtete er seinem Mentor Serge Koussevitzky. »Überall Nazis, eine kranke Wirtschaft, Menschen, die für ein paar Zigaretten am Tag arbeiten, Juden, die in Lagern verrotten, elend wie die Welt, und die Stadt in Trümmern.« Die Entnazifizierung sei »eine Farce« und es sei unerträglich, schrieb er seiner Schwester Shirley, dass die Juden in »elenden DP-Lagern« säßen, »während die deutschen Faschisten darauf warten, einen neuen Krieg zu beginnen«, diesmal mit den neuerdings verbündeten Amerikanern gegen die Sowjetunion.

Bernstein war 29 und zum ersten Mal in Deutschland. Er hatte von einem »Dachau Symphony Orchestra« in der Nähe gehört (unserem »Represenzentanc Orkester fun der Szeerit Hapleita«) und wollte mit ihm spielen. Er bekam die Erlaubnis, in den DP-Lagern Landsberg und Feldafing zu konzertieren, wurde im Gegenzug aber dazu verpflichtet, das Orchester der Bayerischen Staatsoper zu dirigieren. Ausgerechnet. »Ich musste mit einem Orchester arbeiten, dessen Mitglieder vermutlich alle Parteiangehörige gewesen waren«, und das in der Nazizeit von seinen jüdischen Mitglieder »gesäubert« worden war. »Ich weiß, Yehudi Menuhin hatte schon früher für Deutsche und Flüchtlinge gespielt, auch mit Furtwängler, aber ich hatte eine andere Einstellung als er.«

Der ungarische Jude Georg Solti, der von der Militärregierung zum Generalmusikdirektor der Staatsoper ernannt worden war, begleitete Bernstein zur ersten Probe. Die Mitglieder des Orchesters hatten gerade einen Hungerstreik hinter sich und absolut keine Lust, mit einem Dirigenten zu arbeiten, der jung, unbekannt und dazu noch Amerikaner und Jude war: »Die Musiker wollten nicht einmal von ihren Notenpulten zu mir hinaufschauen. Sie benahmen sich schrecklich. Doch nach einer halben Stunde änderte sich das: Sie lagen mir zu Füßen, sie hielten mein Jackett für mich, sie gaben Feuer für meine Zigarette. Das war für mich so eine Art Offenbarung über den Charakter der Deutschen – die beiden Seiten der Medaille: der Sklave und der Meister. Einerseits Herrenrasse und anderseits dazu erzogen, Befehlen absolut zu gehorchen.«

Am Tag nach dem Konzert im Prinzregententheater lobte die »Süddeutsche Zeitung« Bernstein überschwänglich, während der in einem Militärkonvoi schon nach Feldafing und dann nach Landsberg unterwegs war, wo das Publikum und die Musiker auf ihn warteten, die ihm wirklich am Herzen lagen. Harry Bialor, ein polnischer Überlebender, erzählte über das Konzert in Feldafing: »Es war ein heißer Tag, der Ort war brechend voll. Bernstein zog seine Jacke aus und sagte auf Jiddisch: ‹Wir werden jetzt alle zusammen schwitzen› (…) Wir waren völlig verblüfft; damit hatten wir nicht gerechnet.« Bernstein wiederum wunderte sich über die Musikauswahl. Auf dem Programm stand neben Ghetto-Liedern auch Webers »Freischütz«-Ouvertüre (Bernstein meinte, weil das wohl die einzigen Noten gewesen seien, die sie hatten retten können) und Gershwins »Rhapsody in Blue«. »Die habe ich dann zweimal an einem Tag – auf einem verstimmten Klavier – gespielt«. Was Bernstein nicht wissen konnte: Nach jeder gelungenen Aktion gegen die Nazis hatten die Partisanen diese Melodien in den Wäldern um Vilnius auf einem Grammophon abgespielt. Jetzt führten ein paar von ihren Leuten diese Komposition, die irgendwie auch nach dem vertrauten Klezmer klang, mit ihm auf, live und im besiegten Deutschland!

Leonard Bernstein (r.) mit dem Ex-KZ-Orchester, 10.5.1948

»Ich habe mir das Herz aus dem Leib geweint«, schrieb Bernstein, nachdem ihm die Musiker zum Andenken eine KZ-Jacke geschenkt hatten. Die Konzerte waren ein entscheidender Entwicklungspunkt für ihn. Die überwältigende Resonanz ließ in mehr als je zuvor an die Kraft der Musik glauben und bestärkten seine Identität als Jude. Seine Mentoren hatten ihm geraten, seinen Namen zu ändern, und er hatte sich entschieden, zu seiner Herkunft zu stehen: »Entweder ich mache es als Bernstein oder gar nicht.«

Auch für viele DPs und die Orchestermitglieder war seine Anwesenheit ein emotionaler Wendepunkt. »Es gab ihnen endlich das Gefühl von Anerkennung, als wären sie zurück an einem positiven Ort in der Welt«, so die Tochter von Max Beker und Fania Durmashkin. Die Tochter von Elias Fueller, eines der damaligen Zuhörer, meinte Jahrzehnte später: »Ich glaube, erst als er Bernstein hörte, der Gershwins »Rhapsody in Blue« spielte, änderte sich das, was man ihm eingetrichtert hatte, dass er nur eine Nummer und kein Mensch war. Er hörte Musik, die von einem Juden geschrieben und von einem Juden aus Amerika aufgeführt wurde, und das Orchester bestand ausschließlich aus überlebende Juden. Erst in diesem Moment erkannte Papa, dass er vielleicht ein Leben haben könnte, dass er vielleicht eine Zukunft haben könnte, dass er vielleicht heiraten, eine Familie gründen, eine andere Sprache lernen könnte.«

Als Leonard Bernstein seinen Auftritt mit der Nachricht beendete, er würde bald in Erez Israel spielen, rief ihm das Publikum entgegen: »Nehmen Sie uns mit!« Vier Tage später, am 14. Mai, zogen sich die letzten britischen Streitkräfte aus Palästina zurück und David Ben-Gurion verlas die israelische Unabhängigkeitserklärung. Noch in der Gründungsnacht erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem jungen Staat den Krieg. Doch der Weg ins lang ersehnte »Heilige Land« war nun frei…

Im November 1948 spielte Bernstein im Amphitheater von Beersheva mit dem Palestine Philharmonic Orchestra vor tausenden Soldaten und Bewohnern Mozarts K. 450, Beethovens 1. Klavierkonzert und als Zugabe die Rhapsody in Blue. Die Ägypter verlegten daraufhin einige Einheiten in den Negev, da sie die große Menschen-Ansammlung für eine militärische Truppenbewegung gehalten hatten.

Die »Wartesäle zur Emigration« leerten sich nach und nach. Das Ex-KZ-Orchester, die »Happy Boys« und die anderen Klangkörper lösten sich auf, die Musiker zerstreuten sich 1948 und 49 rund um den Globus und mit ihnen ihre Geschichte(n). Henry landete in Kanada und die anderen – Chaim, Szlamek (Stanislaw Spaczynski), Elek, die drei Lewin-Brüder, Lutek, Josek, Fischl und Avrum, der den Verlust seiner Familie nie verschmerzte und sich später das Leben nahm – in den USA. Sie hatten gehofft, auch außerhalb ihrer Familien und Schicksalsgenossen willkommen geheißen zu werden, und wurden enttäuscht. »Ende der 1940er und während der 1950er-Jahre, bedeutete es geradezu eine Störung des öffentlichen Lebens«, so der Historiker Peter Novick, »wenn man in den Vereinigten Staaten über den Holocaust sprach.« Das lag unter anderem am schlechten Gewissen der Amerikaner, die Juden in Europa im Stich gelassen zu haben und daran, dass es nicht mehr en Vogue war, über die Schoa zu sprechen, denn die neue Weltordnung der Amerikaner brauchte die Deutschen als Verbündete im Kalten Krieg gegen die UdSSR und ihre Satelliten. Und so zerschlugen sich auch die Pläne der Musiker, in Amerika weiter zu machen, wo sie in Deutschland aufgehört hatten. Weder das DP-Orchester noch die »Happy Boys« traten je wieder in ihrer alten Besetzung auf. ***

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P.s. Das Thema »Displaced Music« ist noch wenig erforscht und die sind Quellen rar. Über weitere Noten, Texte, Töne aus dem Repertoire der DP-Musiker würde ich mich also riesig freuen. Hinweise gern an: yehudith@mail.de

Junge Eltern im DP Camp Neu-Freimann in München in der Hoffnung auf eine Zukunft

3 Kommentare zu „Klänge aus dem Wartesaal“

  1. Was für eine wunderbare, außergewöhnliche Recherche. Großes Kompliment und sehr großen Dank von Anita kuglrt

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  2. Prima liebe Yu. wg anderen Infos.jemand versucht Kontakt zu legen, mit einem Historiker (?) der auchg viel über die DP-Camps geforscht hat und (es ist schon länger her) in Israel ehemalige Lagerinsassender DP-Camps interviewt hat.Inwieweit es auch um die kulturellen Aktivitäten ging, weiß ich (noch) nicht,denke allerdings, daß dies auch zur Sprache kam. Herzlich/Frank P.S.: ich versuche Ende November nach Berlin zu kommen für einige Tage, wg dem Projekt.

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