Wie aus den Brüdern Jacob und Israel Gershowitz das Broadway-Traumpaar George und Ira Gershwin wurde, aus George der Schöpfer einer neuartigen Musik und aus Ira der Top-Texter des Great American Songbook …

Die Geschichte beginnt in St. Petersburg, im Russischen Kaiserreich, wo Moische Gerschowitz (Мойше Гершовиц) und Rosa Bruskina (Роза Брускина) geboren wurden. Moisches Vater Jakow stammte aus einem jüdischen Ansiedlungsrayon aus der Gegend um Odessa, hatte seit seinem zehnten Lebensjahr 25 Jahre lang als Mechaniker in der russischen Armee gedient, um sich als Jude das Recht auf freien Aufenthalt zu verdienen, und sich schließlich in der Nähe von Petersburg niedergelassen. Sein Sohn Moische arbeitete als Lederzuschneider und lernte Rosa im litauischen Wilna (Vilnius) kennen, wo ihr Vater Gerschon Bruskin Kürschner war.
1890 beschlossen Rosas Eltern wegen der antijüdischen Pogrome nach dem Attentat auf Alexander II. mit ihren neun Kindern in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Moische Gerschowitz, der in Russland zum Wehrdienst verpflichtet gewesen wäre, folgte ihnen, als er das Geld für die Überfahrt zusammen hatte. Er kam bei seinem Onkel Aron in Brooklyn unter und fand Arbeit in einer Fabrik für Damenschuhe. 1895 – Moische war 23, Rosa 20 – heirateten sie, nannten sich nun »Morris and Rose« und zunächst noch Gershowitz, nach ihrer Einbürgerung dann aber »Gershvem« und noch später »Gershwin«.


Sie wohnten über dem Pfandhaus Simpson, Ecke Hester und Eldridge Street, als 1896 ihr erster Sohn, Israel Gershowitz (der spätere Liedtexter Ira Gershwin), zur Welt kam, der »Iz« oder »Izzy« genannt wurde (und lange Zeit dachte, dies sei die Kurzform von Isidor). In den nächsten zehn Jahren zogen sie ständig um, insgesamt 28 mal, da Morris mit jedem neuen Business, das er ausprobierte – Teilhaber oder Inhaber eines türkischen Bades, eines Restaurants, eines Zigarrenladens, eines Billard-Salons usw. – die Unterkunft wechselte, und im übrigen, genau wie seine Frau nie richtig Englisch lernte (berühmt die Anekdote, nach der er »Fascinating Rhythm«, ein Stück seiner Söhne, als »Fashion on the River« verstand.)
Zwei Jahre nach Israel-Ira-Izzy wurde Jacob geboren (der als Kind »Cheesecake« genannt wurde, sich selbst aber lieber George nannte: George Gershwin). Und es folgten noch zwei weitere Kinder: Arthur, der ebenfalls Komponist war, aber im Schatten seiner erfolgreichen Brüder stand, sich immer als »Ich bin der unbekannte Gershwin« vorstellte und seinen Lebensunterhalt als Börsenmakler verdiente. Und als letztes auf den Tag genau 10 Jahre nach Ira wurde Frances geboren, die schon im Kindesalter als Sängerin zum Unterhalt der Familie beitrug, aber jung heiratete, nämlich den Geiger Leopold Godowsky, Sohn des berühmten gleichnamigen Komponisten, der wie die Gershwins als Jude aus Russland nach Amerika gekommen war.

Rosa oder »Rose«, die Mutter der vier Kinder soll wenig herzlich und zärtlich gewesen sein, dafür aber umso ehrgeiziger und zielstrebiger, oder in den Worten von Georges Freund Yip Harburg »ein Bulldozer, gepaart mit Verspieltheit«. Sie wollte eine gute Ausbildung für ihre Kinder, die zumindest Lehrer werden sollten, und hielt die Familie zusammen, während ihr Mann eher ein »Luftmensch« war und die Dinge nahm, wie sie kamen.

Da ihre Wohnungen fast alle in der Nähe des jiddischen Theaterviertels im East Village lagen, waren die Gershwins Stammgäste in den dortigen Theatern, in denen der kleine George auch verschiedentlich als Statist auftrat, und 1910 kauften sie ein Klavier. Ira erinnerte sich 50 Jahre später: »Das Klavier musste durchs Fenster in unsere Wohnung gehievt werden. Als Ältester sollte eigentlich ich Unterricht bekommen, aber George setzte sich sofort an das neue Instrument und spielte gekonnt einen populären Schlager. Wir alle waren ganz perplex, bis er uns erklärte, er habe heimlich auf dem Klavier eines Schulkameraden geübt.«
Der schüchterne Ira war jedenfalls erleichtert, als seine Eltern nun beschlossen, dass statt ihm sein Bruder die Klavierstunden nehmen sollte und verbrachte seine Zeit lieber weiter mit Büchern, schrieb für Schülerzeitungen, und entwickelte eine Leidenschaft für das Tüfteln an Texten.Sein temperamentvoller Bruder George wurde erst von verschiedenen Klavierlehrern und ab 1913 von dem Konzertpianisten Charles Hambitzer unterrichtet. Der stellte aber schon bald fest: »Er will sich unbedingt mit dem modernen Krimskrams abgeben, mit Jazz und dergleichen. Aber das lasse ich vorläufig nicht zu. Erst soll er sich gefälligst in der seriösen Musik auskennen.« Hambitzer brachte ihm also konventionelle Klaviertechniken bei, ließ ihn europäische Meisterwerke spielen und ermutigte ihn, Orchesterkonzerte zu besuchen.
Mit 15 verließ George die Schule. Die Tin Pan Alley in New York war damals das Zentrum der amerikanischen Musikindustrie. Hier produzierten zahllose Texter und Komponisten tagtäglich populäre Schlager, die in Notenheften, so genannter »Sheet Music«, veröffentlicht wurden und die der Kundschaft hier in dutzenden kleiner Läden angepriesen wurde. In einem dieser Läden, bei Jerome H. Remick & Co, saß nun auch George und klimperte und sang als sogenannter »Song Plugger« für 15 Dollar die Woche potenziellen Kunden die neuesten Schlager vor.
1916 begann er dann auch Lieder von Irving Berlin auf Notenpapier zu übertragen, da der berühmte Komponist von »God Bless America« oder »White Christmas« (der später ein enger Freund von ihm wurde) weder Noten lesen noch schreiben konnte; und er bespielte Musikrollen für elektrische Klaviere, zunächst mit Rags und fremden Werken, dann mit seinen eigenen. Sein erstes veröffentlichtes Lied »When You Want ’Em, You Cant Get ’Em« brachte ihm 50 Cent ein. Zur selben Zeit konnte auch Ira ein erstes »Werk« – eine satirische Skizze – in einer Zeitung platzieren und bekam dafür einen Dollar. Davon leben konnten sie nicht. Ira besuchte Kurse auf dem City College, verteilte Handtücher in den türkischen Schwitzbädern seines Vaters und Ende 1916 übernahm er mit George zusammen die Leitung des beliebten Schwulenbades »Lafayette Baths«, nachdem sich der von Vater Gershwin eingesetzte Manager nach einer Polizeirazzia das Leben genommen hatte.

1918 versuchten sich die Brüder erstmals zusammen an einem Lied: The Real American Folk Song (is a Rag) youtu.be/lsyNMGzraDU?si=6LCEKT7HKZ6UhtIK:
Near Barcelona, The Peasant Croone
The Old Traditional Spanish Tunes
The Neapolitan Street Song Sighs
You Think Of Italian Skys
Each Nation Has A Creative Vein
Originating A Native Strain
With Folk Songs Plaintive And Others Gay
In Their Own Peculiar Way
American Folk Songs, I Feel
Have A Much Stronger Appeal
The Real American Folksong Is A Rag
A Mental Jag
A Rhythmic Tonic For The Chronic Blues
The Critics Called It A Joke Song But Now
They’ve Changed Their Tune, And They Like It, Somehow
For It’s Innoculated With A Syncopated Sort Of Meter, Sweeter
Than A Classic Strain,
Boy You Can’t Remain, Still Or Quiet, For It›s A Riot
The Real American Folksong
Is Like A Fountain Of Youth
You Taste, And It Elates You, And Then, Invigorates You
The Real American Folksong, The Masses Coaxed On, Is A Rag

Das Lied wurde allerdings wieder aus der Broadway-Show »Ladies First« gestrichen und erst später landesweit bekannt. Ira war frustriert, ging nach Pittsburgh, um in einem Zirkus zu arbeiten, der einem Cousin seines Vaters gehörte, langweilte sich aber so sehr in der Provinz, dass er bald nach New York zurückkehrte. George hatte inzwischen mit dem Lied »Swanee« seinen ersten USA-weiten Hit gelandet. Der Broadway-Star Al Jolson (der aus Russland stammte und eigentlich Asa Yoelsohn hieß) hatte ihn das Lied auf einer Party singen hören, es in seine Show »Sinbad« eingebaut und es wurde ein Welterfolg. George stieg allmählich die Karriereleiter im Musikbusiness empor, schrieb 1919 zum ersten Mal die Musik zu einer ganzen Broadway-Show »La-La-Lucille!« und lernte Songwriter kennen, mit denen er mehrere Musicals auf die Bühne brachte.

Der immer etwas langsamere und bedächtige Ira irrte indessen noch immer ziellos herum. Bis 1921 sein erster großer Broadway-Erfolg anstand, mit den Liedtexten, die er für das Musical »Two Little Girls in Blue« verfasst hatte, allerdings – sich seiner noch unsicher – unter dem Pseudonym »Arthur Francis«, abgeleitet von den Namen seiner Geschwister Arthur und Frances. Die New Yorker Presse schrieb: »Die Texte von Arthur Francis zeigen, dass es noch immer Liedtexter gibt, die in der Lage sind, einen Text zu schreiben, der sich reimt und gleichzeitig Bedeutung hat.«
Genau das würde ein Merkmal der Texte von Ira Gershwin werden. Sie waren intelligent und witzig. Er hatte ein besonderes Gefühl für Reime und für Humor. Er liebte Geräusche aller Art und schrieb in sein Tagebuch, was er an einem Tag alles so hörte: »Das Schnurren eines Aufzugs, das Klingeln eines Telefons, das Stöhnen eines Babys, einen Freudenschrei, das Kreischen eines platten Reifens, heiseres Hupen, ein Klimpern, das Kratzen eines Streichholzes auf Sandpapier, den dröhnenden Knall einer Dynamitexplosion in der nahenden U-Bahn, eiserne Haken in der Gosse.«
Ira spielte mit den Klängen von Vokalen, er verkürzte Phrasen, indem er Worte zusammensetzte, er baute Begriffe aus der Umgangssprache ein, die er beim Spazierengehen hörte und er konnte stundenlang an einer einzigen Silbe feilen – was ihm den Spitznamen der »Juwelier« einbrachte. Für Ira war die Sprache Teil der Musik, und seine Worte sind ein untrennbarer Teil der Hits seines Bruders – die nun bald entstanden. Denn um 1920, als sie 22 und 24 Jahre alt waren, taten sich die Brüder dann doch noch zusammen.
1921 schrieben George und Ira die Lieder für »A Dangerous Maid«, ein Projekt, das floppte, aber auch ihr vermutlich einziges Lied mit einem »jüdischen Thema« – Mischa, Yascha, Toscha, Sascha –, eine Parodie auf die Namen von vier jüdischen Geigern, die alle Schüler von Leopold Auer und alle aus Russland nach Amerika gelangt waren: Mischa Elman, Yascha Heifetz, Toscha Seidel und Sascha Jacobsen. George hatte zwei alternierende Vorspiele dazu geschrieben, eines zitiert Mendelssohns Frühlingslied, das andere Dvoraks Humoreske, und er sang und spielte es immer auf Partys, wenn einer der Geiger anwesend war. Einer von Iras Refrains lautet:
Temperamental Oriental gentlemen are we / Mischa, Jascha, Toscha, Sascha / Fiddle-lee diddle-lee dee / We’re not high-brows, we’re not low brows, / Any one can see, / You don’t have to use a chart, / To see we’re He-brows from the start. / Mischa, Yascha, Toscha, Sascha…« Also: Wir sind weder Intellektuelle (high-brows), noch Ungebildete (low-brows), sondern He-brows (Juden). youtube.com/watch?v=q9liNoampOk
Eine von mehreren Textversionen:
We really think you ought to know
That we were born right in the middle
Of darkest Russia
When we were three years old or so
We all began to play the fiddle
In darkest Russia
When we began
Our notes were sour
Until a man
Professor Auer
Set out to show us, one and all
How we could pack them in
In Carnegie Hall
Temperamental Oriental gentlemen are we
Mischa, Jascha, Toscha, Sascha
Fiddle-lee, diddle-lee dee
Shakespeare says, »What’s in a name?«
With him we disagree
Names like Sammy, Max, or Moe
Never bring the heavy dough
Like Mischa, Jascha, Toscha, Sascha
Fiddle-lee diddle-lee dee
Though born in Russia, sure enough
We’re glad that we became relations
Of Uncle Sammy
For though we play the highbrow stuff
We also like the syncopations
Of Uncle Sammy
Our magic bow
Plays Liszt and Schumann
But then you know
We’re only human
And like to shake a leg to jazz
Don’t think we’ve not the feelings
Everyone has
Temperamental Oriental gentlemen are we
Mischa, Jascha, Toscha, Sascha
Fiddle-lee diddle-lee dee
Highbrow he-brow may play lowbrow
In his privacy
But when concert halls are packed
Watch us stiffen up and act
Like Mischa, Jascha, Toscha, Sascha
Fiddle-lee diddle-lee dee
You find our pictures everywhere
They show you we’re artistic persons
Who play the fiddle
When critics hear us, they declare
The rest are all so many worse ’uns
Who play the fiddle
We’re from the best
The critics said it
But to the rest
We still give credit
And so we want it understood
We think that Paganini also was good
Temperamental Oriental gentlemen are we
Mischa, Jascha, Toscha, Sascha
Fiddle-lee diddle-lee dee
We give credit when it’s due
But then you must agree
That outside of dear old Fritz
All the fiddle concert hits
Are Mischa, Jascha, Toscha, Sascha
Fiddle-lee diddle-lee dee
1924 folgte dann mit Musikkomödie »Lady, Be Good«, in der die Geschwister Fred und Adele Astaire sangen und tanzten, der erste Broadway-Hit der Brüder, die damit ein neues Musical-Genre etablierten, in dem nicht nur die Musik, sondern eben auch die Sprache zum Kunstwerk wurde. Einer der Songs war die Ballade The Man I Love. Sie kam damals beim Publikum aber überhaupt nicht gut an und wurde noch in der ersten Woche ganz aus der Show gestrichen. Drei Jahre später nahmen die Brüder sie wieder auf in der Antikriegssatire »Strike Up the Band«, aber das ganze Musical floppte und wurde nur zwei Wochen gespielt. Ein Jahr später wurde der Song noch mal in ein Musical eingebaut, wieder erfolglos. Trotzdem war »The Man I Love« die Erkennungsmelodie für George wöchentliche CBS-Radioshow und sein persönliches Lieblingsstück unter all seinen Kompositionen. Irgendwann hat es dann auch das Publikum kapiert… und der Song wurde zu einem der beliebtesten Jazzstandards, gesungen von Ella Fitzgerald bis Kate Bush. youtu.be/wsI5UCTFom4?si=FOTgNSIIGu_OdM2h
Die Gershwins im Doppelpack wurden nun schnell zum Dream-Team am Broadway. Und George am Klavier zur Legende, wie er – immer wie aus dem Ei gepellt und strahlend, in zügigem Tempo über seine Songs improvisiert und sich mühelos Variationen aus dem Ärmel schüttelt…

Doch der Sonnyboy wollte nicht nur Revuen und Schlager und Party, er wollte auch seriöse Musik schreiben. Am Abend des 3. Januar 1924 spielte er mit seinem Freund, dem Texter Buddy DeSylva – mit dem zusammen er im gleichen Jahr den Welthit Somebody Loves Me verfasst hat (youtu.be/kOdQUp69kys?si=QR1X-drnXqeLckTG)– in einer Kneipe am Broadway Billard, während Ira die Ausgabe der »New York Tribune« für den nächsten Tag las. Dort stand u.a., dass George Gershwin, an einem sinfonischen Werk für einen Konzertabend des Bandleaders Paul Whiteman und seines Jazz-Orchesters am 12. Februar arbeite, der als »An Experiment in Modern Music« angekündigt wurde.
George wusste zu diesem Zeitpunkt gar nichts von seinem Glück. Seine Kurz-Oper »Blue Monday« war 1922 komplett durchgefallen und als »trostlos« und »dumm« verrissen worden, er hatte im Komponieren für klassisches Orchester keine Erfahrung, fühlte sich der Aufgabe noch nicht gewachsen und hatte abgelehnt, als Whitemann eine Jazz-Symphonie von ihm wollte. Nun stand er also trotzdem auf der Programmliste und rief Whiteman am nächsten Morgen an, um ihn zur Rede zu stellen. Der erklärte ihm, dass ein Rivale ihm die Idee seines experimentellen Konzerts stehlen wolle und er deshalb keine Zeit für Diskussionen gehabt hätte. Und er überredete George schließlich und riet ihm zu einer Rhapsodie, zu einer freien Form also, in der sich musikalische Abschnitte lose aneinanderreihen können.
Allerdings waren es nur noch fünf Wochen bis zur Aufführung. George schrieb unter Hochdruck eine Klavierfassung, dann zog Whitemans Arrangeur Ferde Grofé bei ihm ein, und erarbeitete unter gleichem Zeitdruck die Orchestrierung für das Palais Royal Orchestra, die später Weltruhm erntete. Der Arbeitstitel war »American Rhapsody«. Aber Ira schlug dann als Namen »Rhapsody in Blue« vor, nachdem er die Ausstellung eines Malers besucht hatte, der seine Bilder »Symphony in White« oder »Arrangement in Grey and Black« usw. genannt hatte.
Die Uraufführung fand dann am 12. Februar 1924 vor der Creme der New Yorker Gesellschaft statt. Der Legende nach sollen unter anderem die Herren Rachmaninow, Strawinsky, Stokowski, Mengelberg, Heifetz und Kreisler dabei gewesen sein. Aber zumindest Rachmaninow und Heifetz können nicht anwesend gewesen sein. Der eine hatte an diesem Abend ein Konzert in Kansas City, der andere in Illinois. Jedenfalls wurden 26 verschiedene Stücke aufgeführt, und die »Rhapsody« war das vorletzte. Zu diesem Zeitpunkt war das Publikum schon äußerst lethargisch und genervt, da sich viele Werke ähnlich angehört hatten und obendrein das Lüftungssystem im Saal ausgefallen war. Gershwin spielte den Klavierpart selbst. Da er keine ausnotierte Klavierpartitur besaß und Grofé ihm wegen des Zeitdrucks nur eine Bandpartitur mit den hingekritzelten Worten »Wait for nods« (»Warte, bis dir einer zunickt«) ausgehändigt hatte, ist die Version der Uraufführung heute nicht mehr rekonstruierbar.

Die »Rhapsody« bekam sehr gegensätzliche Kritiken. Einige nörgelten, sie hätte keine Form, Gershwin habe nur einzelne Melodien aneinandergereiht und die New York Tribune ätzte, die Melodien und Harmonien seien »banal, kitschig, flach und leblos«. Klaus Mann schrieb hingegen, er sei »von dem Elan, dem Pathos dieser hinreißende neuen Musik sofort bezaubert« gewesen und der Kritiker der New York Times:»Diese Komposition zeigt das außergewöhnliche Talent eines jungen Komponisten, der mit einer Form kämpft, von deren Beherrschung er weit entfernt ist. […] Dessen ungeachtet entwickelt er einen eigenen, signifikanten Stil in der höchst originellen Komposition. […] Es gab ungestümen Applaus.« – Applaus für einen gerade mal 26-jährigen und sein Stück, mit diesem klagenden Eingangston der Klarinette, der durch Mark und Bein geht und gleichzeitig alle Freude und allen Schmerz und alle Schönheit und alle Wildheit in sich vereint. Zum ersten Mal spielte ein Orchester, wie sich Amerika anfühlte: der stampfende Rhythmus der Eisenbahn, das Rumoren der großen Städte, das Schweigen der weiten Prärie…
Dass ein Stück derart Genre-Grenzen überwindet und Elemente von Populär-Musik, afroamerikanischen Jazz und europäischen Kunstmusik verbindet – das war sensationell neu und auch der aus Breslau stammende Chef des New Yorker Symphony Orchestra, Walter Damrosch, war so beeindruckt, dass er sofort ein Orchesterwerk bestellte, das sich an die Formen eines klassischen Klavierkonzertes halten und von George selbst orchestriert werden sollte. Der hatte keinerlei Erfahrung in Orchestrierung und Formenlehre sinfonischer Werke, las sich das nötige Wissen aber autodidaktisch an und schrieb das Klavierkonzert in F-Dur, in dem er wieder klassisches sinfonisches Schaffen geschickt und auf einmalige Weise mit Elementen des Jazz verband. youtu.be/zQOtDTfjAJU?si=xcgaRmDtxf1hFnp
Nach diesen beiden Werken war George Gershwin so bekannt, dass sein Konterfei bereits auf der Titelseite des »Times Magazins« erschien, das ihn als »bedeutendsten lebenden Komponisten der USA« feierte, und er einen Zyklus mit 24 Präludien für Klavier mit dem Titel »The Melting Pot« schreiben wollte, der wegen seiner vielen »Baustellen« jedoch nie fertig wurde, so dass er Ende 1926 nur drei dieser Stücke – die »Three Preludes« – als einzige zu Lebzeiten veröffentlichten Werke für Klavier Solo, veröffentlicht hat. youtu.be/PzzIwVh9-jE?si=yqxLFUSCDBwtpa9A

Ebenfalls im Jahr 1926 heiratete Ira Gershwin Leonore »Lee« Strunsky, die George ihm 1919 vorgestellt hatte und deren Eltern ebenfalls russische Juden waren. Über sie ist nicht all zu viel öffentlich bekannt, und das, was bekannt ist, klingt nicht sehr sympathisch. Sie soll laute Musik (die Ira liebte) verabscheut haben, sehr resolut und auf Status erpicht gewesen sein, am Ende ihren kranken Schwager George aus dem gemeinsamen Haus verbannt und seine »Rhapsody in Blue« wie folgt kommentiert haben: »I don‘t get it – you can‘t dance to it!«

George hingegen konnte sich keinen rechten Haltepunkt in seinem Leben schaffen – keine eigene Familie und keine wirkliche Heimat in der Musik. Er hatte wie seine Geschwister wenig Liebe von der Mutter und keine Orientierung vom Vater erfahren. Am ehesten fand er in seiner langjährigen Beziehung zu der Komponistin Katherine »Kay« Swift ein häusliches Umfeld. 1926, in dem Jahr, in dem Ira geheiratet hat, wurde sie seine Geliebte und musikalische Ratgeberin und blieb es bis zu seinem Tod. Nach Ansicht vieler war sie »die wichtigste Frau in Gershwins Leben«. Die beiden haben nie geheiratet, obwohl Kay sich schließlich wegen ihm von ihrem reichen Banker-Ehemann James Warburg scheiden ließ. Manche vermuteten, dass das an Mutter Gershwin lag, die unzufrieden darüber war, dass Kay anders als Iras Frau und Frances Mann nicht jüdisch war; dagegen spricht, das Arthur, ihr Sohn Nr. 3, ebenfalls eine nichtjüdische Sängerin geheiratet. Ira hingegen meinte, George fühle sich mit Kindern (Kay hatte drei Töchter) unwohl; andere hielten ihn für zu egozentrisch, um zu heiraten und er pendelte auch tatsächlich ständig zwischen verschiedenen Frauen – von Paulette Goddard bis Pauline Heifetz hin und her: Typ Womanizer mit Bindungshemmung. Und sie Musikkritikerin Marcia Davenport würde Jahrzehnte später schreiben: »Gershwin war einer der einsamsten Menschen, die ich gekannt habe.«. Wie auch immer. Noch im selben Jahr 1926 schrieben die Brüder das Musical »Oh, Kay!«, das nach dieser Kay Swift benannt ist und den Titel Someone to Watch Over Me enthält, der sich zu einem Schlüsselwerk im Great American Songbook entwickelt hat. youtu.be/gDhF-PsDuCw?si=5oXUgWiLMddCl8NR

Im März 1928 stachen die Geschwister Frances, Georg und Ira und seine Frau Leonore an Bord eines Luxusdampfers Richtung Europa in See. Sie besuchten im Laufe der folgenden Monate fünf Länder und Ira schrieb ausführliche Reiseberichte über die zahlreichen Partys, die sie von London bis Berlin besuchten, die Konzerte mit Georges Kompositionen, die Begegnungen mit Künstlergrößen wie Sergej Prokofjew und Alban Berg (den George sehr bewunderte und der ihm die Partitur seiner »Lyrischen Suite« geschenkt hatte), aber auch der Witwe des Walzerkönigs Johann Strauss, über das üppige Essen und Trinken, das sich so sehr von dem im New York der Prohibitionszeit unterschied und vor allem über Paris. George, immer auf der Suche nach exzellenten Lehrern, fragte bei Maurice Ravel nach Unterricht an. Der soll ihm geantwortet haben: »Warum ein zweitklassiger Ravel werden, wenn Sie bereits ein erstklassiger Gershwin sind?« – was eine Legenden sein dürfte, aber Ravel, der ihn mehrfach in New York gehört hatte, hat ihn wärmstens an Nadia Boulanger weiterempfohlen. Doch die lehnte ab, wegen seiner Nähe zur Popularmusik, heißt es. Aber auch das ist fraglich; sie hat schließlich auch Astor Piazzola und Quincey Jones unterrichtet.

Während Ira ihre gemeinsamen Erlebnisse wie das Besteigen des Eiffelturms in seinem Tagebuch beschrieb, begann George seine Paris-Eindrücke musikalisch festzuhalten, in der übliche Orchesterbesetzung, aber erweitert um Effekt-Instrumente wie die Hupen von Pariser Taxis: Ein Amerikaner in Paris wurde nach der Rückkehr der Reisegesellschaft noch im selben Dezember mit den New Yorker Philharmonikern wieder mit Damrosch am Pult in der Carnegie Hall aufgeführt – und wieder mit den inzwischen erwartbaren Reaktionen: Jubel bei Publikum, Gespaltenheit bei der Kritik. Aber »An American« wurde trotzdem sehr schnell Teil des Standardrepertoires in Europa und den USA. youtu.be/K4I2OzMltM4?si=9DkC_Ed264jolntX
Kleines P.s: Um für eine Schallplattenaufnahme des Werks die zweite Plattenseite zu füllen, hat Darius Milhaud 1962 eine Komplementärkomposition namens »A Frenchman in New York« geschrieben, die allerdings inhaltlich keinerlei Bezug zu Gershwin oder Jazz hat.

1930 folgte – gemessen am Umsatz und der Zahl der Aufführungen – dann das letzte supererfolgreiche Broadway-Musical der beiden: »Girl Crazy« mit Titel wie Embraceable You (youtu.be/RF1yQMPMEMo?si=wtURNiQ_z2Raslco) und vor allem I Got Rhythm (youtu.be/fSTkz1BvrXY?si=UIfIWJVm0sY1eMj5). Die Akkordfolge in diesem Song wurde in der Jazz-Theorie und -Praxis später »Rhythm changes« genannt, weil sie ohne Ende Improvisationsmöglichkeiten ermöglicht und die Grundlage für viele andere Jazzstücke ist. Und auch Ira hat fast drei Wochen getüftelt, bis er einen passenden Text zur der schwierigen Melodie gefunden hatte, und dabei auch »dummy lyrics« gebastelt, also Platzhaltertexte oder »Schimmel«, wie »Roly-Poly/ Eating soley / Ravioli / Better watch yout diet or bust« (soll heißen: Du bist pummlig, weil die nur Ravioli isst. Achte besser auf deine Ernährung oder du platzt).
Die Premiere im Oktober 1930 sangen dann Ethel Merman (die eigentlich Zimmermann hieß) und Ginger Rogers, begleitet von einer Starbesetzung im Orchestergraben, weil nämlich die Wirtschaftskrise heute berühmte Jazzer zusammengeführt hatte, u.a. Benny Goodman, Jimmy Dorsey, Glenn Miller und Charlie & Jack Teagarden.
»I Got Rhythm« wurde neben »Summertime« zu den meist gespielten Jazz-Standards aller Zeiten und von beinahe jeder Größe aufgegriffen: Louis Armstrong, Count Basie, Cannonball Adderley, Ella Fitzgerald, Django Reinhardt, Dizzy Gillespie, Coleman Hawkins, Mike Oldfield oder Charlie Parker und Gene Kelly hat das Lied auch noch tanzend in der Verfilmung von »Ein Amerikaner in Paris« gesungen.

Ein Jahr später, 1931, entstand beider Musical »Of Thee I sing«, eine bissige Polit-Satire über einen skurrilen Präsidentschaftswahlkampf, über Patriotismus, Liebe und Korruption, mit dem Ira Gershwin 1932 als erster Songtexter (für Lieder wie »Who Cares?« und »Love Is Sweeping the Country«) den renommierten Pulitzer-Preis gewann. George ging leer aus, da es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Preis für Musik gab.
1932 schrieb Georges seine unterschätzte »Second Rhapsody«, gönnte sich anschließend einen zweiwöchigen Junggesellenurlaub mit Freunden auf Kuba und kehrte mit seiner karibisch angehauchten »Cuban Ouverture« zurück. youtu.be/ZQ7I08wWTC0?si=5C0VgYl_OElP9-fG
Zu dieser Zeit lebte George, dessen bruchloser sozialer Aufstieg unter anderem an seinen immer größer werdenden Wohnungen ablesbar war, in einer 14-Zimmer-Maisonette-Wohnung mit drei Steinway-Flügel und einer großen Gemäldesammlung unweit der Park Avenue in Manhattan, seiner letzte Wohnung in New York und arbeitete mit Ira an »Pardon My English«, dem einzigen ihrer Musical, das in Deutschland spielt – eine Persiflage der Prohibition in den USA, dergestalt, dass hier in Dresden eine umgekehrte Prohibition stattfindet: Um den Konsum von Bier und Wein zu fördern, verbietet nämlich die deutsche Regierung den Verkauf aller alkoholfreien Getränke. Aus Protest öffnet der Gangster Golo Schmidt eine Kneipe, in der Selterswasser und andere verbotene Getränke serviert werden. Und dann kommt es zu allen möglichen komischen Verwicklungen. Auch das wieder eine witzige Show mit Songs wie »Lorelei« und »Doctor Freud & Jung & Adler« und Iras Nonsens-Reimen wie »When an Musiker doesn‘t bring Strauss with him / He is no Musiker. Raus mit ihm!«





Der Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit aber wurde zwei Jahre später, 1935, Porgy and Bess. Das Werk gilt als die erste eigenständige Oper Nordamerikas und die erste Volksoper der Welt. Sie hat die soziale Realität in die Konzertsäle gebracht, erstmals das Leben von Afroamerikanern inszeniert und Benachteiligte und Außenseiter zu Helden gemacht. Eine Geschichte um Liebe, Hass, Eifersucht und Diskriminierung, die in der Stadt Charleston in South Carolina spielt. Die Vorlage und das Libretto stammten von Edwin DuBose Heyward. Ira, der die Liedtexte schrieb, fuhr mit seinem Bruder mehrfach nach Charleston, unter anderem, um das Leben des Stammes der Gullah zu studieren, deren Kreol-Sprache im Libretto vorkommt und deren Musik sich nun auch in Georges Chor-Gesängen wiederfand- Sie verfügten auch, dass die Oper szenisch nur mit schwarzen Sängern aufgeführt werden darf. Da es damals aber nur wenige ausgebildete schwarze Opernsänger gab, wurden auch Theater- und Nachtklubdarsteller engagiert.
»Porgy and Bess« hatte im Oktober 1935 am Broadway Premiere, war aber – wie viele der anspruchsvolleren Kompositionen zu George Gershwins Lebzeiten – nur mäßig erfolgreich. Der Kritiker Virgil Thomson giftete: »Im besten Fall handelt es sich um ein pikantes, aber äußerst unappetitliches Mischmasch von Israel, Afrika und den gälischen Inseln … Ich mag weder falsche Folklore, noch zappelige Begleitungen, noch bittersüße Harmonik, noch eine »Gefilte fish«-Orchestrierung«.Andere bemängelten, dass das Stück ein Hybrid sei (kein reines Musikstück und auch kein reines Drama); und in einer Zeit ausgeprägter Rassendiskriminierung spülte es offenbar auch zu wenig Geld in die Kassen und wurde nach 124 Aufführungen abgesetzt.
In Europa war »Porgy and Bess« zum ersten Mal 1943 in Kopenhagen mit dänischen Sängern zu sehen und wurde trotz heftiger Gestapo-Aktionen gegen die »jüdische Negeroper mit Urwaldgeschrei« 22 Mal vor vollem Haus gespielt, dann von den deutschen Besatzern aber abgesetzt. Zum Welterfolg wurde die Oper erst in den 50er-Jahren und hat dann Impulse in die Welt gesetzt, die bis heute wirken.

Neben »I Got Plenty of Nothing« (youtu.be/zHUuvk65EXY?si=6eK9_lo1xF0P0rVk) und »It Ain’t Necessarily So« (youtu.be/oyHMrgOhyAU?si=04_8gklSsLmMYkNp) machte vor allem ein Lied aus der Oper eine eigenständig Karierre: Summertime (youtu.be/VZRgiuAXRAs?si=a40XIYk__yybTUoT).
»Summertime« war auch das erste Lied, das Gershwin fertig gestellt hatte. Die Idee für die Melodie hatte er schon früher im Kopf, nämlich, nachdem er das ukrainische Wiegenlied »Ой ходить сон, коло вікон« (Ein Traum geht am Fenster vorbei) gehört hatte, das damals vom Ukrainischen National-Chors gesungen wurde. George ahmte aber auch hier afroamerikanische Folklore nach und es gelang ihm, »Summertime«, das insgesamt 4 Mal in der Oper vorkommt, wie ein Volkslied klingen zu lassen, was noch verstärkt wird durch die religiösen Bilder in Iras Text, so dass es nicht nur an ein Wiegenlied, sondern gleichermaßen an ein Spiritual erinnert. Unübertroffen ist auch hier die Anzahl von Coverversionen: Laut Guinness-Buch der Rekorde existieren über 60.000 verschiedene Aufnahmen, davon 1.200 offiziele Plattenaufnahmen, u.a. von Billie Holiday, Paul Robeson, Charlie Parker, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong, Miles Davis, John Coltrane, Sonny & Cher, Herbie Hancock, Joni Mitchell, Stevie Wonder und sogar von den Beatles, die den Titel 1960 in Hamburg aufgenommen haben (es wurden allerdings nur sechs Exemplare gepresst, von denen kein einziges erhalten ist).
Aber wie gesagt, »Porgy and Bess« war kommerziell ein Misserfolg und die Brüder verließen New York und mieteten sich ein Haus in Beverly Hills in der Nähe des »Movie Gesindels«, wie Thomas Mann die Hollywood Society nannte. George, der Sport-Freak, der boxte, schwamm, ritt, angelte, Rad fuhr, Ping Pong und Tennis spielte und sich als Maler versuchte,, war in Kalifornien in seinem Element.
Ein Freund machte ihn mit dem damals schon über 60-jährigen, genauso tennisbegeisterten Arnold Schönberg bekannt und George wurde sein Tennispartner.

Daneben schrieben er und Ira in rascher Folge die Lieder für drei weitere Filme: »Shall We Dance« mit Fred Astaire und Ginger Rogers, »A Damsel in Distress« (zu deutsch in etwa »Ein Fräulein in Not«) und »The Goldwyn Follies«.
Obwohl die Filme selbst gemischte Kritiken bekamen, wurden beispiellos viele der Lieder zu Hits, wie »Let’s Call the Whole Thing Off« (youtu.be/J2oEmPP5dTM?si=8R8LAxh4VLzoCLbX), »Nice Work If You Can Get It« (youtu.be/RIspYEurfRA?si=lXX8RRFmO5IFhoBj) und They Can’t Take That Away from Me (youtu.be/uhCXXOhQ4zw?si=QGjejPHpBxQpgNW1), das sogar für einen Oscar nomiert wurde.

Anfang 1937 begann George über rasende Kopfschmerzen zu klagen. Er hatte Geruchshalluzinationen, er roch immer wieder verbrannten Gummi, unerklärliche starke Stimmungsschwankungen, und bald auch Koordinationsprobleme. Seine Umgebung tat dies als Neurosen ab. Aber am 9. Juli brach er während der Arbeit an der Filmmusik zu »The Goldwyn Follies« abends zusammen. Seine letzten Worte waren »Fred Astaire«.
Er wurde umgehend ins Krankenhaus nach Los Angeles gebracht und fiel ins Koma. Die Ärzte stellten einen Hirntumor fest. Emil Mosbacher, einer von Georges vielen Freunden mit guten Beziehungen, mit dem er 1932 auf Kuba gewesen war, kontaktierte umgehend den renommierten Neurochirurgen Walter Dandy, der sich gerade mit dem Gouverneur von Maryland beim Angeln auf einer Yacht in der Chesapeake Bay befand. Mosbacher rief das Weiße Haus an und veranlasste, dass ein Schiff der Küstenwache entsandt wurde, um Dandy schnellstmöglich an Land zu bringen. Anschließend charterte Mosbacher ein Flugzeug und flog Dandy zum Flughafen Newark, von wo aus er einen Flug nach Los Angeles nehmen sollte. Gershwins Zustand war zu diesem Zeitpunkt aber bereits so kritisch, dass die Ärzte sich entschlossen, ihm den Tumor zu entfernen, noch bevor Dandy eintraf. Gershwin starb wenige Stunden später.
Dass er nur 38 Jahren alt war, macht seine Geschichte umso tragischer. Man spürt: George Gershwin hatte gerade erst begonnen, alle seine Welten – die des amerikanischen Schmelztiegels, die des Jazz und Blues, die der europäischen Klassik, die der hebräischen Liturgie usw. – dauerhaft miteinander zu verbinden und die Öffentlichkeit hatte erst begonnen, seine nicht klassifizierbare Musik und seinen ganz eigenen Stil zu schätzen.
Gershwins Freunde und Fans waren zutiefst betroffen. John O’Hara bemerkte:»George Gershwin ist am 11. Juli 1937 gestorben, aber ich muss das nicht glauben, wenn ich nicht will.«
Das Stück, an dem George zuletzt gearbeitet hatte, »Love Is Here To Stay«, besaß noch keinen Text. Ira vollendete es nach der Beisetzung mit Worten, die auf George gemünzt waren. Die Haupt-Textzeile, die besagt, dass »unsere Liebe« eine bleibende sei, mündet in die Worte:»Not for a year / But ever and a day.« youtu.be/at3DdAQseGs?si=mj4HEk7CE3c0qFWf
Einen Tag nach George Gershwins Tod sprach Arnold Schönberg ins Mikro eines amerikanischen Radiosenders, dass die Welt einen großen Komponisten und er einen Freund verloren habe und nach dem Trauergottesdienst im Tempel Bnai Brith fand am 8. September fand in der Hollywood Bowl ein Gedenkkonzert statt, bei dem u.a. Al Jolson und Fred Astaire sangen und zur Überraschung aller 22.000 Anwesenden und Millionen Radio-Zuhörer Otto Klemperer sich als Gershwin-Fan outete und eine Orchesterfassung der zweiten von Gershwins »Drei Präludien« für Klavier dirigierte.
Nach dem Tod seines Bruders war Ira wie paralysiert. Ihre Zusammenarbeit war so einzigartig gewesen, ihre Lieder hatten ein Niveau an handwerklicher Perfektion und Exzellenz, das die Musicalbühne nachhaltig geprägt hatte. Und Ira, der mit seinem »kleinen« Bruder auch beruflich seinen Partner verloren hatte, verstummte für drei ganze Jahre komplett. Doch dann rappelte er sich wieder auf, kümmerte sich um die Weitergabe des Werke von George, aber verfestigte auch seinen eigene Ruf als einer der wichtigsten Texter des Great American Songbook, dessen wichtige Rolle früher manchmal durch das musikalischen Genie seines Bruders überschattet worden war.
Ira tat sich mit Kurt Weil zusammen, dem nächsten aufgehenden Stern am Broadway-Himmel. Für ihn schrieb er die Liedtexte für ein Musical, das ganz im Zeichen der gerade schwer in Mode kommenden Psychoanalyse stand: »Lady in The Dark«. Drei der zentralen Songs waren »One Life to live« (youtu.be/Qf7QDVesAfY?si=jBJa21Z64C9NiPni), »The Saga of Jenny« (youtu.be/yd1j8vC_vzo?si=P8151lc04xY5E4lD) und »My Ship« (youtu.be/YnZoCA4DM34?si=mArdMWa3jcjice7h).

Sehr lustig finde ich aber ein viertes Lied, nämlich »Tschaikowsky (und andere Russen)« – ein Zungenbrecher-Song, in dem staccato-artig 50 russisch klingende Komponistennamen aufgezählt werden: Witold Maliszewski, Anton Rubinstein, Anton Arensky, Pyotr Ilyich Tchaikovsky, Wassily Sapellnikoff, Nikolai Dmitriev-Svechin, Alexander Tcherepnin, Ivan Kryzhanovsky, Leopold Godowsky, Nikolai Artsybushev, Stanisław Moniuszko, Fyodor Akimenko, Nicolai Soloviev, Sergei Prokofiev, Dimitri Tiomkin, Arseny Koreshchenko, Mikhail Glinka, Alexander Winkler, Dmitry Bortniansky, Vladimir Rebikov, Alexander Ilyinsky, Nikolai Medtner, Mily Balakirev, Vasily Zolotarev, Pyotr Abramovich Khvoshchinsky, Nikolay Sokolov, Alexander Kopylov, Vernon Duke, Nikolay Klenovsky, Dmitri Shostakovich, Alexander Borodin, Reinhold Glière, David Nowakowsky, Anatoly Lyadov, Genari Karganoff, Igor Markevitch, Semyon Panchenko, Alexander Dargomyzhsky, Vladimir Shcherbachov, Alexander Scriabin, Sergei Vasilenko, Igor Stravinsky, Nikolai Rimsky-Korsakov, Modest Mussorgsky, Alexander Gretchaninov, Alexander Glazunov, César Cui, Vasily Kalinnikov, Sergei Rachmaninoff, Joseph Rumshinsky.
Einige der »Russen« sind gar keine Russen, sondern Polen, aber egal. Das Lied war jedenfalls ursprünglich ein Nonsensgedicht, das Ira während seiner Studienzeit in einer Hochschulzeitung veröffentlicht hatte und das in dem Weill-Musical nun von Dany Kaye gesungen wurde, der den Ehrgeiz hatte, die Nummer immer schneller zu bringen und es irgendwann auf eine Zeit von unter einer Minute gebrach hat. Das war der Beginn sein Karriere, und auch viele andere Sänger haben den Song zu einer Paradenummer gemacht, um ihre Sprechschnelligkeit zu demonstrieren. youtu.be/sGeu54MtiIE?si=AQHQGCnn0YaVILGu
1943 folgten mit Aaron Copland die Lieder für den Kriegsfilm »The North Star«, 1944 mit Jerome Kern »Long Ago (and Far Away)« für Rita Hayworth im Filmmusical »Cover Girl«, ein Song, der ihm mehr Tantiemen einbrachte als jeder andere und für den Oscar nominiert wurde (youtu.be/XISNxRtMfzA?si=aKcwCCdy-j0fuWfH).
1945 arbeitete Ira erneut mit Kurt Weill zusammen, diesmal an der Broadway-Operette »The Firebrand of Florence« und dem Film »Where Do We Go from Here?«, die beide keine Erfolge waren. Aber in dem Film kommt ein lustiger »Song of the Rhineland« vor, den Ira und Kurt selbst vorgetragen haben und den man auf Youtube anhören kann:
»Drink, drink! Donnerwetter! What is better? / Drink, drink / Fill the seidel! / Don’t be idle! Drink, drink! / Drink it all down‚ til you fall down / Drink day and night to Gemütlichkeit.« usw.
youtu.be/kh29mdcj3Bk?si=Z5ZaQzMYeWVjpqNb und youtu.be/eJqxnSy_1-E?si=rP-7gueFPAzkz6Bq
Als auch »Park Avenue« 1946 floppte, zog sich Ira vom Broadway zurück und schrieb Lieder, so 1954 für den Judy-Garland-Film »A Star Is Born«, der von den meisten Kritikern als sein letztes großes Werk angesehen wird (youtu.be/gNDu75gEiIo?si=wQI5LsekMr8OMZhk).
Als Ira Gershwin 1983 mit 86 Jahren starb, hatte er mehr als 700 Songtexte verfasst und bis zuletzt Worte und Musik mit bestechender Originalität verbunden, einfach klingenden Zeilen, die aber so witzig und eingängig waren, dass Dutzende von ihnen Eingang in den musikalischen und den amerikanischen Wortschatz gefunden haben.

Seine letzten Texte hatte Ira Gerswhin 1964 für Billy Wilders Komödie »Kiss Me, Stupid« mit Dean Martin und Kim Novak zu unveröffentlichten Melodien seines Bruders George geschrieben, unter anderem »All the Livelong Day« (youtu.be/dRy0Zgq3HX8?si=Lc9727fdvn8r1AF8) und »I’m a Poached Egg«… – Ohne dich bin ich ein pochiertes Ei ohne Toast, ein Yorkshire Pudding ohne Braten, ein Spukhaus ohne Geist, eine Mausefalle ohne Käse, ein Wien ohne Würstchen, ein da Vinci ohne Mona Lisa, eine Himmel ohne Blau… youtube.com/watch?v=UkzJOJ-DbwU
I’m a poached Egg without a piece of toast
Yorkshire pudding without a beef to roast
I’m a haunted house that hasn’t got a ghost
When I’m without you
Im a mousetrap without a piece of cheese
I’m Vienna without the Viennese
I’m Da Vinci without the Mona Lisa
I’m skies without blue
When you don’t hang around I’m a kangaroo without a hop
When will you show me that as Romeo you’re not a flop?
I’m Western without a hitching post
I’m a network without a coast-to-coast
Just a poached egg without a piece of toast
Each time I’m without you
I am Venice without a gondolier
Or Milwaukee without a glass of beer
Could be Switzerland without a mountaineer
When I’m without you
Like Columbus without Queen Isabel
Neiman Marcus without a thing to sell
Mr. Hilton with only one hotel
And what can I do?
Each time you wander hinder and yonder, don’t know where I’m at
I only know I’m lonely so I’m here to tell you that
I’m a girlfriend without a thing to boast
Any egghead would have me diagnosed
As a poached egg without a piece of toast
Each time I’m without you
I’m a poached egg

