
_Am 20. Mai 1515 landet ein sagenhaftes Tier in Europa, das im biblischen Hebräisch „Re’em“, im Lateinischen „Unicornis“, im Altgriechischen „Rhinozeros“ und im Deutschen „Nashorn“ oder „Auerochse“ heißt. Nach dem Nashorn, das Kaiser Titus im Jahre 80 in dem gerade vollendeten Kolosseum in Rom zur Schau gestellt hatte, ist es erst das zweite Mal, dass Europäer ein solches Wundertier zu sehen bekommen – und der Nürnberger Albrecht Dürer fertigt noch im selbem Jahr eine Federzeichnung (die heute im Britischen Museum liegt) und seinen berühmten Holzschnitt „Rhinoceros“ . Obwohl er das Tier nicht selbst gesehen hat und seine Darstellung anatomisch nicht korrekt war, wird sie für naturgetreu gehalten und für Jahrhunderte zum Vorbild für unzählige Nashorn-Abbildungen.
Das echte Nashorn ist im Rahmen einen Geschenke-Austausches von Indien nach Lissabon gelangt. Portugal hatte kurz vorher die Seeroute nach Indien erschlossen. Und als das Geschenk eines indischen Sultans für den portugiesischen König König Manuel I. nach vier Monaten Überfahrt in Lissabon eintrifft, ist es die Sensation schlechthin. Kaum angekommen, lässt sein neuer Besitzer den armen Kerl gegen einen jungen Elefanten antreten, weil er wissen will, ob die Überlieferung des römischen Schriftstellers Plinius des Älteren zutrifft, nach der Elefanten und Nashörner erbitterte Gegner sind. Der Elefant in Lissabon allerdings sucht das Weite – wohl weniger aus Angst vor dem Nashorn, als wegen des Lärms, den die vielen Zuschauer machen, die das Spektakel sehen wollen.
Ende 1515 beschließt der König dann, sein Nashorn an den Tier-Sammler Papst Leo X. weiter zu verschenken, um sich dessen Gunst zu sichern. Schließlich geht es um den Handel und die Ländergrenzen in den Kolonien. Im Jahr zuvor hatte Manuel I. dem Papst schon den Elefanten Hanno als Geschenk zukommen lassen
Während Hanno auch heil in Rom angekommen war, gerät das Schiff mit dem Nashorn (man hatte es mit grünem Samtkragen, Fransen und goldenen Ösen aufgehübscht) vor Porto Venere in einen Sturm und geht unter. Sein Kadaver wird später an der ligurischen Küste gefunden, heißt es, und dass man es ausgestopft und mit Liebesgrüßen ebenfalls an den Vatikan geschickt habe.
Albrecht Dürer, der das Tier ja nicht mit eigenen Augen zu sehen bekam, hat sich für seine Darstellung sehr wahrscheinlich an dem Brief des mährischen Kaufmanns Valentin Fernandes aus Lissabon orientiert, in dem dieser einem Nürnberger Freund und Geschäftspartner das Nashorn beschrieben und die Skizze eines unbekannten Zeichners beigelegt hat (eine Abschrift des Briefes liegt in Florenz, die Skizze ist verschollen). Dürers Erklär-Text zum „Todfeind“ des Elefanten (mit falscher Datierung) über der Zeichnung liest sich wie eine Zusammenfassung dieses Berichts:
„Nach Christus gepurt. 1513. Jar. Adi. j. May. Hat man dem großmechtigen Kunig von Portugall Emanuell gen Lysabona pracht auß India / ein sollich lebendig Thier. Das nennen sie Rhinocerus. Das ist hye mit aller seiner gestalt Abcondertfet. Es hat ein farb wie ein gespreckelte Schildtkrot. Vnd ist von dicken Schalen vberlegt fast fest. Vnd ist in der groeß als der Helfandt Aber nydertrechtiger von paynen / vnd fast werhafftig. Es hat ein scharff starck Horn vorn auff der nasen / Das begyndt es albeg zu wetzen wo es bey staynen ist. Das dosig Thier ist des Helffantz todt feyndt. Der Helffandt furcht es fast vbel / dann wo es Jn ankumbt / so laufft Jm das Thier mit dem kopff zwischen dye fordern payn / vnd reyst den Helffandt vnden am pauch auff vnd er wuorgt Jn / des mag er sich nit erwern. Dann das Thier ist also gewapent / das Jm der Helffandt nichts kan thuon. Sie sagen auch das der Rhynocerus Schmell / Fraydig vnd Listig sey.“
Dürer, der ein außergewöhnliches Interesse für schöne und exotische Tiere hat, orientiert sich an dieser Beschreibung einer tierischen „Kampfmaschine“, zeichnet sie erst detailliert und sticht sie dann in Holz. Sein Rhinoceros steht friedlich da, aber sieht aus, als stecke es in einer mittelalterlichen Ritterrüstung, habe Schuppen und an den Beinen Kettenhemden. Aber ganz so fern von der Realität ist das auch wieder nicht, tatsächlich sehen ja die großen Hautfalten eines echten Nashorns auch wie eine Art Schutzplatten aus.

Gerätselt wird über das kleine Horn, dass sein Tier außer dem auf der Nase auf dem Rücken hat. Viele halten das Hörnlein für eine phantasievolle Zutat Dürers. Aber es gibt, so sagen Zoologen, wirklich Nashörner, die zapfenförmige Hautauswüchse im Nacken oder am Kopf haben, die wie kleine Hörner aussehen (sogenannte lokale Hyperkeratosen).
Wie auch immer, Dürers Zusatz-Hörnlein wird brav in allen folgenden Nashorn-Darstellungen übernommen, von Sebastian Münster im 16. Jahrhundert über eine chinesischen Weltkarte im 17. Jahrhundert bis zum 18. Jahrhundert, bis Clara auftaucht. Clara ist das neue Top-Modell und ersetzt Dürers Nashorn über 200 Jahre nach seiner Entstehung. Das Panzernashorn-Weibchen wird 1741 aus Afrika (nach anderen Quellen aus Bengalen) nach Rotterdam gebracht und von seinem Besitzer, einem holländischen Kapitän Namens Douwe Mout, 17 Jahre lang, bis es in London stirbt, von Neapel bis Wien durch ganz Europa gekarrt und gegen Eintritt vorgeführt; im April 1746 ist sie auch in Berlin zu Besuch. Wie bei der „Giraffomania“ löst Clara eine „Rhinomanie“ aus und wird auf Bildern, Tassen, Münzen und als Porzellanfigur vermarktet – nun durchweg ohne ein Dürer-Hörnlein.

Dass Dürers Rhinocerus dennoch die erfolgreichere Bildkarriere hingelegt hat, ist nicht nur der handwerklich großartigen Darstellung und dem exotischen Motiv zu verdanken, sondern auch Dürers Frau. Als Agnes Dürer mit 19 Jahren an Albrecht Dürer verheiratet wird, bringt sie nicht nur eine satte Mitgift in die Ehe mit, sondern auch ihr großes Verkaufstalent. Sie managt Albrechts Werkstatt in seiner Abwesenheit, sie steht auf dem Nürnberger Wochenmarkt neben den Gemüse- und Obsthändlern und verkauft seine Drucke und Stiche, sie besucht die großen Messen in Frankfurt und Leipzig und sorgt auch noch nach Albrecht Dürers Tod für die Weiterverbreitung seiner Werke. Vielleicht war es sogar die geschäftstüchtige Agnes, die auf die Idee gekommen ist, dass Dürer alle seine Werke, wie damals noch völlig unüblich, mit einer Wortmarke signiert und so eindeutig seiner Person und seiner Kunst zuordnet. Und da sich ein Holzschnitt fast beliebig oft und preiswert vervielfältigen lässt, wird auch das Rhinocerus mit Dürers Signatur „AD“ in einer hohen Auflage gedruckt und Agnes verkauft und verbreitet es als Flugblatt, wie eine mittelalterliche Bild-Zeitung – begehrt von Sensationslustigen und Analphabeten.
Wahrscheinlich wäre Agnes Dürer hocherfreut, dass einer der Erstabzüge des Rhino-Holzschnitts, fast 500 Jahre nach seinem Entstehen, 2013 mit 866.500 Dollar den Auktionsweltrekord für ein Werk ihres Mannes erzielt hat. Alles richtig gemacht:)
