Ein Traum für jeden Fan der „arischen“ Rasse: Blonde Locken, blaue Augen, rosiger Teint… Das kleine Mädchen wurde indes bekannt, weil sein Foto auf dem Cover einer Dokumentation von Serge Klarsfeld über die etwa 11.400 jüdischen Kinder abgebildet war, die aus Frankreich in die Tötungslager deportiert wurden. Wer war dieses Mädchen?

Anny-Yolande Horowitz (eigentlich Horowicz), am 2. Juni 1933 in Strasbourg geboren, war die Tochter jüdischer Emigranten aus Polen. Ihr Vater Jacques (Jakob) Ber Horowicz stammte aus Zduńska Wola, ihre Mutter Frida Glass, eine Schneiderin, aus Pabjanice, beides Kleinstädte in der Nähe von Łodz. Sie waren aus dem armen Polen auf der Suche nach einem besseren Leben 1928 nach Frankreich gekommen. Jacques und sein Bruder Arthur (Abraham) haben sich erst als Minenarbeiter verdingt und später eine kleine Druckerei in der Rue du Faisan in Straßbourg betrieben. Hier in Strasbourg wurde Anny geboren und am 15. Dezember 1934 ihre Schwester Paulette Blanche. Sie wohnten in der Rue Geiler, gingen in den Kindergarten und hatten eine unbeschwerte Kindheit…
Als 1939 mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, meldete sich Jaques Bruder Arthur zur französischen Armee, wurde aber nach der Kapitulation Frankreichs als „feindlicher Ausländer“ im Lager Soudeilles interniert und starb dort 1941. Jacques, Frida, Anny und Paulette, verließen Straßbourg, wohl in der Hoffnung, nach Spanien fliehen zu können, und, fanden Unterschlupf in Bordeaux, nur 200 km von der Grenze entfernt. Doch schon Mitte 1940 beugte sich Franco dem deutschen Druck und ordnete einen Stopp aller Visa an. Niemand weiß, warum die Familie in den Monaten davor nicht versucht hat, nach Spanien zu gelangen; aber vermutlich fehlten ihnen schlicht das Geld. Obwohl die Horowicz‘s bereits seit über zehn Jahren in Frankreich lebten und beide Kinder hier geboren worden waren, fielen sie unter den Erlass zur Internierung aller ausländischen Staatsangehörigen jüdischer Herkunft, den die Vichy-Regierung in Zusammenarbeit mit den NS-Behörden im Oktober 1940 erlassen hatte. Sie saßen in der Falle.
Anny war sieben Jahre alt, als sie am 1. Dezember 1940 mit der fünfjährigen Paulette und ihren Eltern das Haus in der Rue Rode 21 verlassen musste. An diesem Tag waren es 450 Menschen, die sich am Bahnhof von Bordeaux einzufinden hatten. Sie wurden mit der Bahn nach Monts gebracht und von dort mit LKWs oder zu Fuß zum „Besucherzentrum“ – dem Lager La Lande des Monts. Anny und ihre Familie gehörten zu zwei Konvois mit 650 „unerwünschten“ Juden, die am 2. Dezember im Lager eintrafen. Am 4. Dezember wurden die abgebildeten Ausweise mit den Fotos angefertigt (von Paulette ist kein Ausweis überliefert).



In den ersten Monaten konnten die Insassen von La Lande sich noch relativ frei bewegen und zu bestimmten Zeiten das verlassen oder Besuch von Angehörigen empfangen. Im November 1941 wurde das Lager jedoch mit Stacheldraht umzäunt und im Januar 1942 abgeriegelt.
Irgendwann in den Monaten danach wurden Annys Vater Jacques und andere Lagerinsassen nach Angers „verlegt“. Frida war nun allein mit Anny, inzwischen neun, und Paulette, nun sieben Jahre alt. Vom August 1942 ist eine Postkarte an ihre Schwester überliefert, auf der sie berichtet, ihr Mann sei zur Arbeit geschickt worden und seitdem habe sie nichts mehr von ihm gehört. Mehr weiß man nicht darüber, wie die Mutter und ihre kleinen Töchter dort gelebt oder vegetiert haben. Sie haben wohl auch nie davon erfahren, dass Jaques bereits am 20. Juli 1942 zusammen mit 826 anderen Männern und Frauen im Transport Nr. 8 von Angers nach Auschwitz deportiert worden war; er war 45 Jahre alt und wurde wahrscheinlich noch zur Zwangsarbeit ausgewählt, doch danach verliert sich seine Spur.
Ende August 1942 wurde Frida mit ihren Mädchen von La Lande nach Drancy bei Paris verlegt, wo die Mehrheit der in Frankreich lebenden Juden vor ihrer Deportation festgehalten wurde. Am 11. September, fast zwei Jahre nach ihrer Vertreibung aus Bordeaux ging es zusammen mit 193 anderen Kindern und 807 Männern und Frauen weiter von Drancy nach Auschwitz-Birkenau. Viele Kinder waren unbegleitet, und einige noch zu klein, um ihren Namen zu kennen. Sie alle wurden wie Sardinen in einen Waggon gepfercht, ohne Essen, ohne Trinken und mit einer Toilette, die aus einem Eimer oder einem Loch im Boden bestand. Enge, Hunger, Schreie, Weinen, Hitze, Schmutz, Gestank. Die 1500 km lange Fahrt im Viehwaggon dauerte zwei Nächte und drei Tage. Dann der „Empfang“ an der Rampe in Auschwitz – Soldaten, bewaffnet mit Peitschen und Hunden, die den Menschen ihre wenigen Habseligkeiten entrissen, sie auf einen großen Haufen warfen, Befehle bellten und die Männer auf die eine Seite jagten, Frauen, Kinder und Gebrechliche auf die andere …
Von den 1000 Menschen in diesem Transports wurden 920 – unter ihnen Anny, Paulette und Frida – von den deutschen Herrenmenschen direkt ins Gas geschickt und 80 erst noch zur Zwangsarbeit geschickt; überlebt haben 13. Selbst in den schwärzesten Albträumen können wir uns nicht vorstellen, wie tief die menschliche Moral sinken konnte und kann.
„1,5 Millionen jüdische Kinder wurden in der Schoa ermordet. Der Mensch wird diese Tatsache nie voll und ganz begreifen können. Jedes Kind stand am Anfang seines Lebens. Jedes einzelne war eine ganze Welt. Sie waren noch Kinder, als sie mit eigenen Augen sahen, wie Menschen, Familien und die Menschlichkeit selbst in Fetzen gerissen wurden. Die meisten der umgekommenen Kinder hinterließen keine Spuren …“ (David Grossman). Und Anny nur diesen Ausweis der willigen Kollaborateure.
