Palästina lacht!


Der Titel hat mir gefallen: „Palästina lacht!“. Josef Fränkel, den Sammler, Übersetzer und Herausgeber der Witzsammlung, die 1934 in Wien erschienen ist, kennt heute kaum noch jemand. Zu seiner Zeit war er ein bekannter Funktionär der frühen zionistischen Bewegung und einer der wichtigsten Biografen Theodor Herzls.

Familie Fränkel in Ustryki Dolne; um 1920; Josef ist oben der 2. von links

Josef Ascher Fränkel stammte aus dem galizischen Ustrzyki Dolne am Fuß der Beskiden. Als er 1903 geboren wurde, gehörte der 4000-Seelen-Ort zu Österreich-Ungarn, über 60 Prozent der Bevölkerung waren jüdisch und Josefs Vater Moses Fränkel, Besitzer einer Petroleumraffinerie, war seit vielen Jahren Bürgermeister der Stadt (erst als sie 1918 zu Polen kann, wurde er durch einen polnischen Christen ersetzt). Moses ist noch „rechtzeitig“ gestorben, 1937. Am 12. September 1939 marschierten die Deutschen ein, am 29. September wurde Ustrzyki von der Roten Armee übernommen. Josefs Geschwister Hermann, Fanda und Edmund konnten ins Ausland fliehen. Nachdem die Deutschen die Stadt erneut besetzt hatten, deportierten und ermordeten sie Josefs Mutter und seine Schwester Hela.  1940 hatten die Russen bereits Josefs Bruder Leon – Jurist und ehemaliger polnischer Offizier – mit seiner Frau Giza und den Kindern Zygmunt und Stella deportiert und Leon wie Tausende andere polnischen Offiziere und Eliten-Angehörigen erschossen (die Kinder haben in Sibirien überlebt, sind nach dem Krieg nach Polen zurückgekehrt, unter dem Eindruck des Pogroms von Kielce aber mit Hilfe ihres Onkels Josef nach England emigriert).

Josef Fränkel ist in Bielitz (Bielsko-Biała) aufs Gymnasium gegangen, wo Michael Berkovitz, der Hebräisch-Übersetzer und Sekretär von Herzl, sein Religionslehrer war und sein Interesse für den Zionismus und historische Forschungen geweckt hat. 1927 begann Josef in Wien Jura zu studieren, brach das Studium aber ab und schloss sich der zionistisch-revisionistischen Bewegung an. 1935 trennte er sich jedoch von der Gruppe um Zeev Jabotinsky, als der aus der Zionistischen Weltorganisation (WZO) austrat. Stattdessen unterstützte Fränkel den gemäßigteren Meir Grossman, den Gründer der „Judenstaatspartei“. Parallel dazu schrieb er u.a. im „Wiener jüdischen Familienblatt“ Artikel über die Anfänge des Zionismus und dessen Protagnonisten und ein Büchlein über Herzl.

Fränkel wurde einer der engsten Mitarbeiter des prominenten Politikers Robert Stricker, der sich u.a. für einen Ausgleich zwischen Ost- und Westjuden stark machte. 1936 nahm Fränkel zusammen mit Stricker an der Gründungssitzung des World Jewish Congress (WJC) in Genf teil, bei der Stephen Wise und Nahum Goldman angesichts des grassierenden Antisemitismus‘ die Juden aufrief, sich weltweit zu organisieren. Fränkel übernahm das Amt des Sekretärs der österreichischen Sektion des WJC sowie den Vorsitz des Boykottkomitees gegen Deutschland. In seinem 1950 in London erschienenen Buch über Robert Stricker schildert er das Ende der alten Wiener jüdischen Gemeinde in der Zeit unmittelbar nach dem „Anschluss“:

Die „Ivria“ pflegte sich an ihrem Stammtisch im Café Astoria in der Währinger Straße zu treffen. Dort kamen seit Jahren die führenden Zionisten Wiens zusammen. Ich ging mehrmals daran vorbei, ohne den Mut aufzubringen, einzutreten; schließlich tat ich es doch. Es waren dort einige Nazis in Uniform anwesend. Doch die blau-weiße Sammelbüchse des Jüdischen Nationalfonds, das Banner der „Ivria“ mit dem Davidstern und das Anwesenheitsbuch lagen noch immer auf dem Tisch. Ich schlug das Buch auf und fand einige Einträge von I. H. Koerner, dem Gründer der Hakoah – wir nannten ihn „Klofac“ – sowie von Dr. Edward Pachtmann, der uns als „Navi“ bekannt war. 
Außerdem entdeckte er eine an ihn selbst gerichtete Nachricht: „Rebbe, melden Sie sich sofort bei Klofac und Navi. Der Ober-Rebbe braucht Sie dringend.“ 
„Rebbe“ war mein hebräischer Name, und Robert Stricker war der „Ober-Rebbe“. Ich eilte sofort zum Kohlmarkt 10, traf dort Koerner und Pachtmann, und wir gingen in die Seitenstettengasse, wo Stricker sein Büro als Vizepräsident der Wiener Jüdischen Gemeinde hatte … Stricker nahm mich beiseite und flüsterte mir etwas zu. Dr. Koerner sagte: „Sprich laut, Robert, damit wir dich alle hören können. Dein Flüstern macht uns nervös.“ Stricker sah Koerner an, hob den Teppich an, deutete auf einige Drähte darunter und sagte – wiederum flüsternd –: „Heute waren zwei Nazis hier.
Sie sagten, sie kämen, um das Telefon zu reparieren. Man stelle sich nur vor, wie sehr sie sich um uns sorgen. Sie wollen, dass wir viel telefonieren; deshalb haben sie ihre Abhörgeräte installiert, um mitzuhören, was wir sagen.“ Stricker wollte, dass ich sofort in die Tschechoslowakei reiste, um bestimmte Botschaften an Dr. Kafka, den Präsidenten der Prager Jüdischen Gemeinde, und an Dr. Wurmbrand von der Jewish Telegraphic Agency zu übermitteln. Bevor ich Wien verließ, traf ich Stricker noch einmal bei ihm zu Hause. Er gab mir Anweisungen und sagte wiederholt: „Die Juden müssen weiter protestieren, sie müssen schreien, alles in Bewegung setzen, sonst werden sie uns wie Schafe abschlachten.“ Seine Frau Paula fiel plötzlich auf die Knie und weinte: „Robert, bitte geh mit ihm. Es ist noch Zeit, du kannst es noch schaffen.“ Doch Stricker antwortete: „Ich kann nicht. Ich bin es meinen Wählern schuldig. Ich muss bei meinen Wählern bleiben.“ 

Stricker wurde im März 1938 in seinem Büro von SS-Männern verhaftet und mit anderen jüdischen Funktionären ins KZ Dachau und später nach Buchenwald geschafft. Er wurde schwer misshandelt, aber nach elf Monaten Haft entlassen, weil der WJC ein Lösegeld gezahlt hatte. 1942 wurde er erneut verhaftet und mit seiner Frau Paula nach Theresienstadt deportiert; 1944 wurden beide in Auschwitz ermordet.

Josef Fränkel hingegen floh nach dem „Anschluss“ Österreichs in die Schweiz und von dort nach Prag. Als Korrespondent der Jewish Telegraphic Agency (JTA) berichtete er als letzter Journalist über den deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei und die Judenverfolgungen. Im August 1939 reiste er als Delegierter zum 21. Zionistenkongress nach Genf und gelangte von dort mit Hilfe von Samuel Goldsmith, dem Londoner JTA-Korrespondenten, am 3. September 1939 – dem Tag, an dem die Alliierten Deutschland den Krieg erklärten – nach Großbritannien. Josef Fränkel (von nun an Fraenkel oder Frankel) setzte nie wieder einen Fuß auf österreichischen oder deutschen Boden.  In den ersten Wochen in England verdiente Josef seine Brötchen als Vertreter der JTA und Mitglied einer Organisation zur Unterstützung polnischer Flüchtlinge, wurde aber bald als Enemy Alien – als „feindlicher Ausländer“ – von den Briten im Lager Huyton interniert. Dort gründete er einen zionistischen Verein, der fast täglich Versammlungen abhielt und bei dem Martin Freud, der ebenfalls in Huyton internierte älteste Sohn von Sigmund Freud, einer der Referenten war.  


Nach seiner Freilassung arbeitete Fraenkel für den WJC und YIVO. 1942 heiratete er Dora Rosenfeld, die er in einem Zentrum für jüdische Flüchtlinge in London kennengelernt hatte. Sie war 1913 in Glasgow geboren worden, aber ihre Eltern – Rose Katz und Moses Rosenfeld (Morris Rosenfield) – stammten ebenfalls aus Galizien. 1943 kam Fraenkels Tochter Ruth Lynn (verheiratete Deech, seit 2005 Baroness Deech) in London zur Welt; sie war später Professorin für Rechtswissenschaften und Bioethikerin, sitzt als parteilose Abgeordnete im House of Lords und setzt sich für die jüdische Gemeinschaft, Israel, Frauenrechte sowie das Hochschulwesen ein.

Josef, Ruth, Dora
Ruth Fraenkel-Deech


Josef Fraenkel selbst war nach dem Krieg noch über 30 Jahre lang für die britische Sektion des Jüdischen Weltkongresses zuständig und in x Gruppierungen engagiert: als Vorsitzender der „Jewish State Party“ und der Nahum-Sokolow-Gesellschaft, als Mitbegründer der „Unity Group“, als Ehrensekretär der Jacob-Ehrlich-Gesellschaft und der „Continental Zionists“ sowie in der Theodor-Herzl-Gesellschaft und dem „Jewish Record Office“. Er veröffentlichte Biografien über Simon Dubnow, Robert Stricker, Lucien Wolf, und natürlich Theodor Herzl, und setzte sich für die Überführung dessen sterblicher Überresten nach Israel ein (Jahre bevor dies 1949 tatsächlich geschah) wie auch der des bekannten zionistischen Oberrabbiners von Wien, Zwi Perez Chajes, der in den 20-er/30er-Jahren eine geistige und religiöse Renaissance der Wiener Judenheit eingeleitet hatte.

Der unermüdliche Josef Fraenkel gründete in London den Verband jüdischer Journalisten und rief einen Pressedienst namens „Weekly Review of the Jewish Press“ ins Leben. Seine Idee eines „Hauses der jüdischen Presse“ wurde nie verwirklicht, doch viele der von ihm vorgeschlagenen Aktivitäten werden heute von der Jüdischen Nationalbibliothek der Hebräischen Universität und anderen akademischen Zentren in Israel wahrgenommen.
Bereits 1953 hatte Frankel eine Broschüre „The Jewish Press of the World“ veröffentlicht (deren 7. Auflage 1972 schon 954 jüdische Zeitschriften aus 77 Ländern verzeichnet hat) und auch einen Abriss zur Geschichte der jüdischen Presse von ihrer Blütezeit vor der Schoa bis zu den Medien in den Lagern für Displaced Persons enthielt. Als Hilfsmittel für Journalisten stellte er zudem die Broschüre „Every Day in Jewish History“ zusammen, die fast 2000 Kalenderdaten auflistet und viele Nachahmungen gefunden hat, die heutzutage meist im Internet zu finden sind. Für Fraenkel war das Schicksal der jüdischen Presse untrennbar mit der Lage der Juden verbunden:
„Heute besteht eine der Hauptaufgaben der jüdischen Presse zweifellos in der Bewahrung und Stärkung des jüdischen Geistes. Hinzu kommt jedoch die Bildung einer jüdischen öffentlichen Meinung. In den wenigen Ländern, in denen das Erscheinen einer jüdischen Presse untersagt, eingeschränkt oder gezielt erschwert wird, ist auch das Recht der Juden auf ein jüdisches Leben gefährdet: Ein Land mit einer jüdischen Gemeinschaft, der das Grundrecht verwehrt wird, sich mittels des gedruckten Wortes untereinander zu verständigen, ist damit auch vom jüdischen Volk jenseits der eigenen Grenzen abgeschnitten (…) Schließlich darf kein jüdischer Herausgeber vergessen, dass es zu seinen Pflichten gehört, die nichtjüdische Welt mit der aktuellen Lage der Juden vertraut zu machen sowie jüdische Missstände und Forderungen zu erläutern und zu begründen  … Die jüdische Presse muss sich stets bewusst sein, dass sie ihre Hauptaufgabe – als verbindendes Glied zwischen den Juden in aller Welt zu fungieren – nur dann erfüllen kann, wenn sie fair, frei und furchtlos bleibt!!“ 

1967 veröffentlichte Fraenkel sein bekanntestes Buch: „The Jews of Austria: Essays on their Life, History and Destruction“, eine Anthologie zur Geschichte der Juden in Österreich, zu der drei Dutzend Historiker und Autoren beigetragen hatten. Der Band enthält Essays über den Beitrag österreichische Juden zu Kunst, Musik, Juristerei, Medizin, Literatur und Sport, persönliche Erinnerungen (u.a. von Max Brod), historische Abhandlungen und einen Abschnitt zur Vernichtung der österreichischen Juden. Das Buch war ein wichtiges Grundlagenwerk, wurde aber nie ins Deutsche übersetzt oder von deutsche oder österreichische Historiker weiterentwickelt. Hier etablierten sich die Jüdischen Studien erst in den 1980er-Jahren als Feld historischer Forschung, zu spät für Josef Fraenkel, der 1987 in London gestorben ist. Doch es waren Exilanten wie er, die sich mit ihren Pionierarbeiten des Gedenkens verdient gemacht haben.

Josef Fränkels Witzsammlung  „Palästina lacht!“ befindet sich im Bestand der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/Main und in Leipzig, ist an beiden Standorten aber „nur nach Rücksprache“ einsehbar. Schade, aber allzu viel zu lachen scheinen die Leute auch damals in Nahost nicht gehabt zu haben – das Büchlein hat nur 24 Seiten:)

Ein Kommentar zu „Palästina lacht!

  1. Vielen Dank für diesen bewegenden historischen Beitrag über Josef Fränkel. Sein Leben erinnert daran, wie wichtig Erinnerung, Bildung und Meinungsfreiheit sind. Der Titel „Palästina lacht!“ wirkt heute angesichts der Geschichte und der aktuellen Gewalt fast schmerzhaft. Für die Opfer auf beiden Seiten gibt es nichts zu lachen. Gerade deshalb sollten wir Menschlichkeit, Mitgefühl und die Würde jedes einzelnen Menschen über Hass, Propaganda und Vergeltung stellen. Geschichte sollte uns nicht trennen, sondern lehren, Leid zu verhindern und Frieden zu suchen.

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