
„In Minsk-Stadt sind am 28. und 29. Juli 1942 rund 10.000 Juden liquidiert worden, davon 6.500 russische Juden — überwiegend Alte, Frauen und Kinder. Der Rest bestand aus nicht einsatzfähigen Juden, die überwiegend aus Wien, Brünn, Bremen und Berlin im November vorigen Jahres nach Minsk auf Befehl des Führers geschickt worden sind.“
(Wilhelm Kube, Generalkommissar für Weißruthenien)
Zwei von ihnen waren Dora und Henriette Bromberger, die talentierten Töchter des Komponisten, Pianisten und Musikpädagogen David Bromberger, die bis 1933 – die eine als Malerin, die andere als Pianistin – zu den umworbenen Kulturgrößen Bremens gehörten.
Ihr Vater David Bromberger war bereits ein namhafter Musiker, als er mit 23 Jahren 1876 aus Köln nach Bremen gekommen war. Von ihm stammte der Gesang „Tempelweihe“ für gemischten Chor, Bass-Solo und Harmonium, den er eigens zur Eröffnung der ersten Bremer Synagoge im selben Jahr komponiert hatte, und er hatte die Werke „neuer“ Komponisten mit in die Hansestadt gebracht: Schumann, Schubert und Johannes Brahms, mit dem er auch befreundet war. Zwei Jahre nach seiner Ankunft heiratete Bromberger die Bremer Bankierstochter Franziska Steinberger. Ein Jahr später bezogen sie ihr Haus in der Contrescarpe 93 und Siegfried, ihr erstes Kind, kam zur Welt. 1881 folgte Dora und 1882 Henriette, genannt Henny.

David Bromberger machte sich im Bremer Musikleben schnell einen guten Namen. Seine Konzerte waren die Treffpunkte der besseren Gesellschaft. In Bremen – „wo das Klavier nur selten vertreten war“, so Friedrich Nebelthau, Senator der Bürgerschaft, später – leistete Bromberger Pionierarbeit auf dem Gebiet der Kammermusik, wofür ihn die städtische Musikkommission 1902 schließlich zum Professor ernannte.

David und Franziska Bromberger hatten Siegfried, Dora und Henny 1888 im Bremer Dom zusammen taufen lassen, ohne selbst dem Judentum den Rücken zu kehren. Vermutlich schien ihnen das für das Fortkommen ihrer Kinder das Beste. Siegfried, der eher pragmatisch als künstlerisch begabt war, wurde Kaufmann. Die Töchter besuchten die Höhere Mädchenschule der fortschrittlichen Pädagogin Emilie Bendel und wurden von den Eltern in ihren Talenten so gefördert und ermutigt, dass beide – in diesen frauenbildungsfeindlichen Zeiten – couragiert eine professionelle Künstlerlaufbahn anstrebten.

Dora ging nach München und Paris, um Malerei zu studieren und beteiligte sich nach ihrer Rückkehr bald regelmäßig an Ausstellungen im „Graphischen Kabinett“, in der „Kunstschau“ oder in der „Modernen Galerie“ von Heinrich Thannhauser, die Werke so bedeutender Künstlergruppen wie der „Blaue Reiter“ um Franz Marc und Wassily Kandinsky ausstellten. Mit ihren eigenwilligen Natur- und Landschaftsbilder, die einen Bogen vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit schlagen, zählte Dora Bromberger schnell zu den gefragtesten Bremer Malerinnen, wurde Mitglied des Künstlerbundes und der progressiven „Bremischen Sezession“ und ihre Bilder Teil der jährlichen Ausstellungen in der Kunsthalle.

Ihre Schwester Henny wurde zunächst vom Vater am Klavier unterrichtet und trat 1902 mit ihm erstmals öffentlich auf. Drei Jahre später hieß es in der Bremer Presse schon: „Einen hervorragenden und in seiner Art seltenen Genuß boten die von Herrn David Bromberger und seiner sehr begabten Tochter Fräulein Henny Bromberger aufgeführten Werke für zwei Klaviere … wir haben selten ein so gleichmäßige Spiel an zwei Flügeln gehört. Der Beifall der Zuhörer war darum auch … ein besonders lebhafter.“

Henny wechselte dann nach Berlin, an die Staatliche Hochschule für Musik zu Artur Schnabel. Sie bekam auch Stunden bei Elly Ney und begann selbst am Seminar des Stern’schen Konservatoriums zu unterrichten. Zurück in Bremen hatte sie viele Solokonzerte, unter anderem beim Bremer Konzertverein in der „Glocke“, im „Haus zum Grünen Winkel“ und bei den „Lichten Sonntagen“, einer Veranstaltungsreihe für Menschen, die sich Konzerte nicht leisten konnten. Sie unterrichtete in ihrem Elternhaus zahllose Meisterschülerinnen und -schüler und musizierte mit bekannten Geigern wie Ernst Glaser und dem Schweizer Cellisten August Wenzinger. Schließlich wurde Henny wie ihre Schwester Mitglied in der GEDOK („Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen“) und vertrat die „Kunstgattung Musik“ im Beirat des Vorstandes.
Henny Bromberger hegte eine Vorliebe für Mozarts Klaviermusiken, spielte aber auch mal „modernes“, wie 1931 mit Käthe van Tricht in Paul Hindemiths Anti-Oper „Ein Sketch mit Musik“ im Schauspielhaus.

Die drei Bremer Bromberger (die Mutter Franziska war schon 1905 gestorben und der Bruder Siegfried inzwischen nach Berlin gegangen) waren in den 1920er-Jahren stadtbekannt und ihr Haus eine beliebte Adresse für Feste und Gesellschaften aller Art. Die Senatoren mit ihren Gattinnen gingen im Hause Bromberger ein und aus oder sangen in David Brombergers Frauenchor. David und Henny waren so beliebte Klavierinterpreten und so geduldige Lehrer, dass die Hautevolee zimmer wieder großformatige Hauskonzerte mit ihnen veranstaltete und ihre Söhne und Töchter im Klavierspiel von ihnen unterrichten ließ. Auch die Werke von Dora, die mit den Malern der Künstlerkolonie Worpswede befreundet war, waren begehrt. Ihre Aquarelle, Naturbilder und Stillleben wurden gern ausgestellt und von der Bremer Kunsthalle angekauft.



1930 starb David Bromberger, von den Bremer Presse wegen seiner „vornehmen Gesinnung“ und seiner Verdienste „um die musikalische Entwicklung der Stadt“ tief betrauert.
Am 17. Januar 1933 wurde Henny Bromberger nach einem großen Beethoven-Konzert zum letzten Mal die „lebhafteste und dankbarste Anerkennung“ der Bremer Öffentlichkeit zuteil. Am 30. Januar kamen die Nazis an die Macht und mit ihnen die Berufs- und Ausstellungsverbote für Juden und jüdische „Versippte“.
Henny und Dora wurden von einem Tag auf den anderen von Honoratioren zu Paria. Einige couragierte Freunde halfen den Schwestern noch weiter, wie Friedrich „Fidi“ Harjes, der eine Metallwerkstatt für kunsthandwerkliche Gegenstände in Bremen hatte und Ilse Wehe, bei der Dora mit Porzellanmalerei noch ein wenig Geld verdienen konnte oder ihre Maler-Freundin Elisabeth Noltenius, die Bilder von ihr bei Ausstellungen in ihrem eigenen Haus zeigte, als Doras Bilder als „Entartete Kunst“ längst aus den öffentlichen Museen verbannt waren.

Auch Henny wurde anfangs noch für Privatkonzerte engagiert und einige ihrer Schüler/innen schlichen sich noch durch die Hintertür in ihren Unterricht. Doch mit der Zeit brachen fast alle Kontakte ab; die beiden unverheirateten Frauen waren isoliert, vereinsamten immer mehr und verließen das Haus nur noch, wenn es draußen dunkel war.
Trotz allem haben Dora und Henny – wie so viele andere – lange geglaubt, die Spuk würde irgendwann vorbei sein. Während ihr Bruder Siegfried mit seiner Frau Hedwig 1939 über Großbritannien nach Kuba emigriert war, lesen wir in seiner Wiedergutmachungsakte: „Ich habe meinen Schwestern noch vor dem Weltkrieg mehrfach geraten, Deutschland zu verlassen. Sie hatten auch eine Einladung nach London. Meine Schwestern haben diese Einladung nicht angenommen, weil sie sich nur als Deutsche und als anständige Menschen fühlten und nicht an den Verfolgungswahn der Nazis geglaubt haben.“ Sie seien schließlich getauft und hätten ein Familiengrab auf dem Riensberger Friedhof, soll Henny gesagt haben.

Am 24. Oktober 1941 kam der Bescheid für eine der Schwestern, sich auf die „Evakuierung in den Osten“ vorzubereiten – ob für Dora oder Henny ist nicht mehr festzustellen, aber es war klar, dass die eine nicht ohne die andere gehen würde. Doras Freundin Elisabeth Noltenius versuchte noch bei der Gestapo zu insistieren. Umsonst.
Wenige Tage vor dem Abtransport versuchte Henny, ihr Elternhaus und den schönen Bechstein-Flügel ihres Vaters ihrer Kirchengemeinde zu schenken. Die wagte nicht, das Haus anzunehmen, nur den Flügel, den ließ der Pastor auf ihr Drängen hin ins Pfarrhaus bringen. Eine halbe Stunde später stand die Gestapo vor der Tür und beschlagnahmte das Instrument. Schließlich hatten doch alle „zu Evakuierenden“ eine Erklärung unterschrieben: „Ich, der unterzeichnende Jude, bestätige hiermit, ein Feind der Deutschen Regierung zu sein und als solcher kein Anrecht auf das von mir zurückgelassene Eigentum, auf Möbel, Wertgegenstände, Konten und Bargeld zu haben.“
Und schließlich hatte „der unterzeichnende Jude“ nicht darüber zu entscheiden, was danach mit seinem Eigentum geschah.
Das Elternhaus der Schwestern wurde „enteignet“ und zum „Judenhaus“ erklärt, in dem zuletzt neben Dora und Henny weitere fünf „Feinde der Regierung“ auf ihre Deportation zu warten hatten. Die fand am 18. November 1941 statt und führte ins überfüllte Ghetto von Minsk, wo die SS in regelmäßigen Abständen Massenerschießungen durchführen ließ, um Platz für Neuankömmlinge zu schaffen oder „Arbeitsunfähige“ loszuwerden. So auch heute vor 84 Jahren, am 28. Juli 1942, an dem sich die Spur von Dora und Henriette Bromberger verliert. Ihr Hab und Gut, mit ihm der große schwarze Bechstein-Flügel, wurde auf einer der „Judenauktionen“ in Bremen billig ersteigert – von Leuten, die vorher Schüler oder Bewunderer von Dora und Henny gewesen waren.

