Imre Góth. Ein vergessener Meister der 20er-Jahre

Wow, was für ein Bild! Und ein heute kaum noch bekannter Maler: Imre Góth. Er hat die selbstbewusste Blondine mit dem Bubikopf und dem elegantem, schulterfreien Art-déco-Kleid 1928 in Berlin verewigt, ganz im Stil der angesagten „neuen Frau“. Möglicherweise handelt es sich bei jungen Frau um den ungarischen Stummfilm-Star Maria Corda. Das Porträt schaffte es neben dem Preisträger Willy Jaeckel und unter anderem Lotte Laserstein und Eugen Spiro in die engere Auswahl für den Georg-Schicht-Preis um „Das schönste deutsche Frauenportrait 1928“. Die Werke dieser engeren Auswahl wurden im November 1928 bei Gurlitt in Berlin und anschließend in neun deutschen Städten gezeigt. Góths Porträt gelangte nach dem Krieg in die Sammlung des ungarischen Verlegers, Psychoanalytikers und Mitbegründers der „Art Basel“ Carl Laszlo, der als Schoa-Überlebender nach Basel emigriert war und in seiner Villa ein Privatmuseum mit seiner Kunstsammlung eingerichtet hatte. 

Über den Schöpfer dieses Porträts findet sich nur bruchstückhaftes, obwohl er im Weimarer Berlin ein gefragter Maler und Grafiker war. Imre Góth (Gót, Goth) wurde 1893 als Imre Goldschmidt und Sohn des jüdischen Holz- und Kohlehändlers Lajos Goldschmidt und seiner Frau Helén Kohn im ungarischen Szeged geboren.

Geburtseintrag Imre Goldschmidt (aka Gòt)

Nach dem Besuch das Piaristen-Gymnasium in Szeged schrieb Góth sich 1912 an der Technischen Universität ein und wechselte ein Jahr später ohne Wissen seiner Eltern auf die Hochschule für Bildende Künste. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum 46. Infanterieregiment in Szeged eingezogen, bekam aber 1916 ein dreijähriges Kunststipendium, heiratete 1917 Erzsébet Palotai (1893–1973), die Tochter von Mór Palotai und Rózsa Grünhut (die Ehe scheint nicht lange gehalten zu haben; 1925 hat sie einen Alfred Antal geheiratet) und studierte in Budapest weiter.

Saalszene 1920

1920 ging Goth nach Berlin, um bei Arthur Kampf an der Hochschule für Bildende Künste (heute: UdK) weiter zu lernen. Die „Goldenen Zwanziger“ waren für ihn eine aufregendere Zeit und Berlin ein aufregender Ort. Für den Großteil der Bevölkerung waren die Zeiten hart, und nach den Entbehrungen des Krieges und den Problemen des Friedens gaben Künstler wie Imre die Vorkriegsfantasien des Expressionismus sukzessive auf und ließen sich auf den Realismus, den Alltag, als Sujet ein, wie etwa in den folgenden Bildern.

Das Konzert, 1920
In der U-Bahn (Berlin), 1930

Imre Góth etablierte sich in Berlin schnell vor allem als Porträtmaler und Illustrator. Er porträtierte Schauspieler, Stars wie Lilian Harvey und Anny Ondra sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, stellte 1925 auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“ aus und belieferte beliebte Berliner und Münchner Zeitschriften wie „Der Querschnitt“, „UHU“, „Die Dame“, „Jugend“ und „Scherl’s Magazin“.

Erst nach Goths Tod ist bei einer Auktion ein Ölgemälde von 1933/34 aufgetaucht, von dessen Existenz vorher niemand wusste und das Hermann Göring, zu der Zeit Hitlers Luftfahrtminister, zeigt. Goth soll es vor seinem Tod seiner Freundin Sylvia Reed mit der Auflage übergeben haben, es nach ihrem eigenen Tod zu vernichten. Das hat sie nicht getan, aber eine schriftliche Erklärung zu dem Bild abgegeben, die besagt: „Göring beauftragte ihn, Bilder von Freunden und insbesondere von einer Schauspielerin zu malen, mit der er damals eine Affäre hatte; anschließend bat er ihn, auch sein Porträt zu malen, da er es seiner Freundin schenken wollte. Zu jener Zeit verstand sich Imre Goth gut mit Göring, da sie ein gemeinsames Interesse an Flugzeugen und der Fliegerei teilten … alles lief gut, bis das Porträt Görings fertig war. Göring hatte den Eindruck, seine Augen würden seinen Morphinkonsum verraten, und verlangte von Goth, sie zu ändern. Goth erwiderte, er könne nur malen, was er sehe, und verließ daraufhin sofort den Ort.“

Hermann Göring, 1933/34, Imre Góth zugeschrieben

Das lebensnahe Porträt mit den kleinen Pupillen und dem rosa Schimmer im Augenweiß soll Göring, der seit dem Ersten Weltkrieg morphiumsüchtig war, jedenfalls so wütend gemacht haben, dass Góth um sein Leben gefürchtet habe und samt Bild nach Großbritannien geflohen sei.
Ob das stimmt? Góth hatte als Jude auch ohne einen Wutanfall von Göring gute Gründe, Nazi-Deutschland zu verlassen. Aber er ist, nachdem er 1935 eine Ausstellung in den New Grafton Galleries in Birmingham hatte, nach Deutschland zurückgekehrt und erst 1936 oder 1937 endgültig nach England emigriert.
Es gibt auch Stimmen, die finden, dass Farbgebung und Zeichenstil nicht zu Góth passen und die bezweifeln, dass das Porträt überhaupt von ihm stammt. Ich weiß es auch nicht. Aber die bizarre Geschichte gehört natürlich erzählt. Und fest steht, dass Góth für Göring tätig war. Vielleicht hat er seine Aufträge über seinen früheren Lehrer Arthur Kampf, inzwischen NSDAP-Mitglied und Chef der Abteilung Bildende Kunst der Akademie der Künste, bekommen. In Görings Kunstsammlung, die im Rahmen der Provenienzforschung detailliert aufgelistet wurde, befindet sich auch ein (Ganzkörper-)Porträt seiner 1931 verstorbenen ersten Frau Carin, das Góth gemalt und signiert hat.

Der Ungar war auch in England schnell gefragt als Porträtmaler, so durfte er noch 1938 den damaligen Außen- und späteren Premierminister Robert Anthony Eden malen und hatte 1939 auch schon sein ersten Ausstellungen in Hull und Bournemouth. 1941 wurde er jedoch in Whyteholme in der Grafschaft Surrey als „feindlicher Ausländer“ verhaftet (bzw. soll von einer ehemaligen Geliebten als Nazi-Sympathisant denunziert worden sein) und war bis 1942 im Palace-Internierungslager in Douglas auf der Isle of Man interniert, wo viele Künstler, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren, hinter Stacheldraht saßen.

Nach dem Krieg lebte Imre Góth in Farley Green in der Grafschaft Surrey und in später in der Talbot Road in West-London. Er bekam eine Zeit lang Aufträge von dem ebenfalls ungarisch-jüdischen Filmregisseur Alexander Korda (eigentlich Sándor Kellner und Ex-Mann der eingangs erwähnten Schauspielerin Maria Corda) und entwarf Werbematerial für Filme, unter anderem für „Anna Karenina“ und Porträts, mit denen Stars wie Ralph Richardson, Michael Wilding, Ann Todd und Margaret Leighton beworben wurden. 

Von Imre selbst konnte ich kein Foto finden, nur Selbstporträts. Nach Aussagen eines früheren Londoner Nachbarn war er „klein, elegant, witzig, klug, sanftmütig und großzügig“.

Selbstporträts mit Geige

Imre Góth verlor in späteren Jahren seine Sehkraft und konnte kaum mehr malen. Aber er hatte schon in Berlin Fallschirme und Autoscheinwerfer konstruiert und wandte sich nun wieder dem Erfindertum zu. Er erfand unter anderem ein Tropfschutz für Flaschen und lebte von den Tantiemen, die er aus dem Unternehmen bezog, die er zur Vermarktung seiner Erfindungen gegründet hatte. 1971 besuchte Góth zum letzten Mal Ungarn. 1982 verstarb er mit 89 Jahren in London. Leider sind nicht all zuviele Originale von ihm erhalten.

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