Der Sommer 1908

Was hätte dieser Mann noch für großartige Bilder malen können! Richard Gerstl (*14.9.1883) war ein revolutionärer Maler und ein tragischer Held, der sich mit 25 Jahren das Leben genommen und vorher fast alle seiner umwerfenden Bilder vernichtet hat. Ein Quantum Trost, dass dem unglücklichen Geliebten Mathilde Schönbergs in seinem letzten Ausbruch der Selbstzerstörung einige seiner Werke entgangen sind.

23 Jahre nach dem Tod Richards und acht nach dem des Objekts seiner Begierden und Qualen, wendet sich sein Bruder Alois Gerstl an den Wiener Kunsthändler und Galeristen Otto Nirenstein, weil er die Lagergebühren für die rund 60 erhaltenen Bilder Richards, die in einem Depot der Firma Rosin & Knauer verstauben, nicht mehr zahlen kann und wissen will, ob es sich lohnt, sie weiter aufzubewahren. Nierenstein (der sich nach 1933 Kallir nennt) ist völlig „geflasht“ von dem, was er sieht, versteht sofort, dass er so fremd- wie einzigartige Werke eines seiner Zeit weit vorauseilenden  Künstlers vor sich hat, und macht sich sogleich daran, eine Ausstellung zu organisieren, die im September 1931 in seiner „Neuen Galerie“ in der Grünangergasse eröffnet wird. Es ist die erste Ausstellung von Gerstls Werken überhaupt, der seitdem als „Österreichs erster Expressionist“ oder „österreichischer Van Gogh“ gilt, aber dennoch wenig bekannt ist.

Dame, 1906

Vorspiel. Im August 1883 tritt Marie Pfeiffer (26) in Wien vom Katholizismus zum Judentum über, bekommt den hebräischen Namen Simcha und heiratet bei Rabbiner Elias Karpeles den Börsenmakler Emil Moses Gerstl (49). Sie hat mit ihm schon zwei uneheliche Kinder – August ist drei, Alois zwei Jahre alt –, und knapp drei Wochen nach der Hochzeit kommt am 14. September beider dritter Sohn zur Welt: der zukünftige Maler Richard Gerstl. Bald scheint die Kindesmutter es sich aber anders überlegt zu haben, denn ein Jahr nach ihrem Übertritt konvertiert sie laut der überlieferten Kirchenbücher zurück und lässt ihre Söhne taufen, und auch Emil wird noch katholisch, wenngleich erst zwanzig Jahre nach seinen Kindern.

Gerstls Porträts seines Vaters Emil, Alois und Marie Gerstl, porträtiert von Richard (1906)

Die recht gut situierten Gerstls ziehen mit ihren Kindern mehrfach um – Berggasse, Alserstraße, Liechtensteinstraße, Floriangasse, Piaristengasse, Pichlergasse, Nußdorferstraße… Richard geht in die Volksschule und anschließend ins Piaristengymnasium in der Josefstadt, fliegt dort 1897 aber raus und wechselt auf eine Privatschule. Papa Gerstl lässt ihn gewähren, die Mutter unterstützt ihn. Der Junge hat Talent, er interessiert sich für Bildende Kunst und wird mit 15 Jahren in die Klasse des konservativen Prof. Christian Griepenkerl an der Allgemeinen Malerschule der Akademie der bildenden Künste aufgenommen (der ist zu posthumen Ruhm gelangt, weil er Bewerbung Adolf Hitlers an der Akademie abgelehnt hat). Aber Richard eckt mit seinen radikalen, elitären Ansichten und seiner Malweise überall und so auch bei Griepenkerl an („So wia Si moln, brunz i in Schnee!“ – so wie Sie malen, pinkele ich in den Schnee) und wird 1901 seiner Klasse verwiesen. 

Selbstbildnisse

Gerstl besucht nun die freie Malerschule von Simon Hollósy in Nagybánya, bezieht 1902, da ist er noch keinen 20, sein erstes Atelier in der Haubenbiglgasse und malt u.a. ein symbolistisch anmutendes „Selbstbildnis (Akt auf blauem Grund“ mit einem Tuch um die Hüften. 1904 wird er wieder in Griepenkerls Klasse aufgenommen. 1905 entsteht sein an Manet und Munch erinnerndes Doppelporträt „Die Schwestern [Karoline und Pauline] Fey“ und er wird erneut der Schule verwiesen.

Die Schwestern Karoline und Pauline Fey, 1905

Nun nimmt ihn der als progressiv geltende Lehrer Heinrich Lefler, dem seine „Schwestern Fey“ sehr gefallen hatten, in seiner Spezialschule für Landschaftsmalerei an der Akademie auf und stellt ihm ein Atelier zur Verfügung. Der junge Richard Gerstl besucht viele Ausstellungen, die der Pointillisten Giovanni Segantini und Georges Seurat und die erste von Vincent van Gogh in Wien 1906, lässt sich von ihnen inspirieren und probiert alle möglichen Stile aus, mit radikalen, eigenständigen und unverwechselbaren Ergebnissen, die man in Wien so noch nicht gesehen hat und die ganze Strömungen in der Malerei vorwegnehmen.

Karriere macht er damit nicht. Gerstl gilt als schwierig. Paula, eine der porträtierten Schwestern Fey, schreibt später über ihn: „Er war ein äußerst wortkarger Mensch und schon als ganz junger Bursch etwas sonderlich.“ Ja, Gerstl ist „sperrig“ und er hasst den Kunstbetrieb, den Jugendstil, den ganzen symbolistischen Klimbim, vor allem aber Gustav Klimt und steht sich damit auch selbst im Weg. Die Einladung zu einer Gruppenausstellung in der Ton angebenden „Galerie Miethke“ lehnt er ab, weil er auf keinen Fall neben dem Hohepriester der Secession ausstellen will. 

Diese Radikalität versteht niemand, aber Gerstl lässt sich von niemandem etwas sagen. Auch mit seinem Lehrer Lefler verkracht er sich. Als der ihn nicht in der Schau seiner Studenten ausstellen lässt beschwert sich der wütende Gerstl schriftlich – und zwar gleich beim Cultus-Ministerium und teilt dabei ordentlich in alle Richtungen aus: „[…] umso mehr hätte ich nicht nur das Recht gehabt, daß meine Bilder ausgestellt werden, als Hr Prof. Lefler einem meiner Collegen gegenüber folgende Äußerung über mich machte: ›Er (nämlich ich) geht ganz neue Wege, man kann ihm schwer folgen, aber tun kann ich für ihn nichts‹. Durch das Nichtausstellen meiner Bilder ohne mein Wissen u. meine Zustimmung, war ich von der Concurrenz um den Specialschulpreis ausgeschlossen, der Herrn Ignaz Schönfeld zuerkannt wurde; Herr Prof. Lefler hat diesen Schüler mir gegenüber wiederholt u. zum letzten Mal vor 4 Wochen für vollkommen talentlos erklärt. […] Da für mich der Rector der k. k. Akademie keine Instanz bildet, bitte ich das Unterrichtsministerium mich für diese Handlungsweise, die sicher mehr als incorrect ist, zu entschädigen.“ 

Richard Gerstl in seinem Atelier

Ohnehin hat sich der widerspenstige Gerstl immer weniger den Malern als den kreativen Musikern seiner Zeit verbunden gefühlt. Im Winter 1905 spricht er Gustav Mahler auf der Straße an und bietet ihm ein Porträt an. Mahler lehnt ab. Im Mai 1906 lädt Arnold Schönberg den 22-jährigen ein, ihm und seiner Frau Mathilde das Malen beizubringen; der fast mittellose, von Kritikern und Publikum angefeindete Komponist hofft, sich mit der Malerei ein neues finanzielles Standbein zu verschaffen. Gerstl sagt erfreut zu, malt auch gleich Porträts der beiden, und wird im Laufe der nächsten Monate Teil des großen Netzwerks musikalischer Freunde und Schüler Schönbergs: Alban Berg, Alex Zemlinsky, Anton von Webern, Heinrich Jalowetz, Karl Horwitz….. 

Porträts Arnold Schönberg + Mathilde Schönberg mit Trudi

Gerstl und Schönberg inspirieren sich gegenseitig und im Juli 1907 lädt Schönberg den jungen Maler ein, mit ihm und seinen Künstlerfreunden den Sommer in Gmunden zu verbringen. Dort malt Gerstl innerhalb von zehn Wochen eine Reihe von Landschaftsbildern und Porträts. Die Beiden sind nun dick befreundet, und als Gerstl sich Anfang 1908 mit Lefler verkracht, zieht er in das Atelier in Arnold und Mathilde Schönbergs Haus in der Liechtensteinstraße 68/70, direkt neben Alexander Zemlinsky und Schönbergs Schwester Ottilie und deren Familie. 

Alban Bergs Schwester Smaragda, Winter 1906/7; möglicherweise Alban Berg, 1908

Mathilde, die Schwester Alexander Zemlinskys, intelligent, introvertiert und etwas rätselhaft, findet mit ihrem österreichisch-ungarischen katholischen, bosnisch-muslimischen und byzantinisch-sephardischen Backround und ihrem Hang zur Unabhängigkeit im Umfeld ihres Mannes wenig Anklang. Auch die Beziehung zu Schönberg selbst ist schwierig. Die Sängerin Marya Freund schrieb: „Mathilde ertrug Schönbergs anstrengende Originalität im Alltag mit Nachsicht und Geduld, und sein autoritärer Charakter ließ mich die Geduld verstehen, die sie als Ehefrau, Herrin des Hauses, Mutter zweier Kinder aufbringen musste, um das Elend zu ertragen.“ Und Josepha Wally, das Dienstmädchen der Schönbergs, beklagte die „negative, aggressive Atmosphäre im Hause Schönberg“, die „ständigen Streitereien“  und dass Schönberg „die Familie tyrannisierte“.

Seit Mathilde aber den sechs Jahre jüngeren Richard Gerstl kennt, fühlt sich sich besser. Der Malunterricht in seinem Atelier, das Modellstehen, das Interesse des jungen Mannes lenken sie von der Ehe mit Arnold ab. Und irgendwann im Frühjahr 1908 beginnen beide eine Liebesbeziehung miteinander. Unwahrscheinlich, dass der gehörnte Gatte davon nichts mitbekommen hat. Die überlieferten Briefe Mathildes klingen so, als wolle sie ihn beruhigen oder seine Zweifel zerstreuen.
Am 12. Juni schreibt sie ihm: „Deine Briefe machen mir wirklich riesige Freude. Eigentlich aber zweifelst du noch immer daß ich dich lieb habe. Warum? Mir ist’s genau so wie dir zu Muthe und ich könnte eigentlich deine Briefe abschreiben und sie dir schicken. […]“.  
Am 16. Juni:  „Liebster Arnold, Weshalb hast du mir gestern nicht geschrieben? Ich finde das müßte nicht sein. Es ist doch nichts vorgefallen? Ich begreife das gar nicht! Hier ist alles in Ordnung.“ 
Und am 20. Juni: „Mein liebes, liebes Herzerl. Du bist doch bös auf mich, auch wenn du es nicht zugestehst. Aber wirklich ungerecht. Schau, ich schreib dir ja alles was hier vorgeht. Mehr geht eben nicht vor. Dann sag ich dir, daß ich dich lieb hab und daß ich mich schon schrecklich nach dir sehne. Ist dir denn das nicht genug? Es gibt eben nichts anderes zu sagen.“

Mathilde

Offenbar gelingt es Schönberg aber, die Affäre seiner Frau zu verdrängen. Er teilt sich weiter den Raum und das Material mit Gerstl, bis sie im Juni 1908 zu ihrem zweiten gemeinsamen Sommerurlaub nach Gmunden aufbrechen, wieder zusammen mit Freunden aus Schönbergs Umfeld, die wie im Jahr zuvor mehrere Bauernhöfe am Ostufer des Traunsees beziehen, und Gerstl die Fera-Mühle, einen halben Kilometer vom Preslgütl, dem Bauernhof der Schönbergs entfernt. 

Arnold Schönberg stellt in diesem Urlaub sein zweites Streichquartett op. 10 fertig, in dessen vierten Satz – „Entrückung“ („Ich spüre die Luft eines anderen Planeten“) – er als Erster in einem groß angelegten Werk den Schritt zur Atonalität vollzieht. Währenddessen malt Gerstl, der beginnt, manisch-depressive Verhaltensweisen zu zeigen, eine Serie von lebensgroßer Porträts von Schönberg, seiner Familie und seinen Freunden, die in einem, radikal neuen, außergewöhnlichen „Gruppenbildnis mit Schönberg“ gipfelt, auf dem seine Figuren in einem farbigen Rausch zu zerfließen scheinen, und das er um den 23. Juli vollendet. 

Familie Schönberg, Gruppenbildnis mit Schönberg, 1908

Die ersten drei Augustwochen verbringt Schönberg mit den Vorbereitungen für die ersten Proben seines Streichquartett in Wien. Doch dann, am 26. August, gegen Ende des Urlaubs, kommt er zurück und erwischt Gerstl und Mathilde in flagranti, möglicherweise auf Gerstls Bauernhof. Arnold weigert sich, Mathilde zuzuhören, woraufhin sie mit Gerstl durchbrennt. Da sie den letzten Zug nach Wien verpassen, verbringen die beiden die Nacht im Gasthof zur Stadt Frankfur in Gmunden.

Mathildes Reue ist schon jetzt so groß, dass sie umgehend am 27. August zwei Briefe an Arnold schreibt, die sie am nächsten Tag per Expresspost aufgibt bzw. persönlich abgeben lässt: „Ich konnte gestern nicht mehr nach Wien fahren und habe hier übernachtet. Ich fahre erst heute abends. Ich bin sehr, sehr unglücklich. Möchtest Du mich noch einmal sehen? Wenn ja dann schicke mir durch den Überbringer des Briefes einige Zeilen wo ich dich treffen kann. Mathilde“ und „Ich danke Dir vielmals für Deine Aufmerksamkeit, Du hast mir eine riesige Freude damit gemacht. Ich habe mich auch gar nicht einsam gefühlt, weil ich gespürt habe, daß Du trotz allem bei mir bist, Gute Nacht Lieber.“

Am Tag nach ihrer Entdeckung reisen Richard und Mathilde nach Wien weiter und kommen in einer Pension im nördlichen Vorort Nußdorf unter. Zuvor machen sie aber einen Zwischenstopp in Mathildes Wohnung. Dort beginnt sie einen langen Brief an Arnold, den sie nach ihrer Ankunft in Nußdorf beendet: 

Ich wollte dir nicht schreiben, aber da bin ich in unsere Wohnung gekommen und da hab ich müssen. Du kannst ruhig weiter lesen(,) ich werde dich nicht bitten mich wieder zu nehmen. Wenn es möglich ist, daß das was ich gethan habe durch großen Schmerz gut zu machen ist(,) dann mache ich es sicher gut. Was ich seit gestern leide (,) kann ich und will ich dir nicht beschreiben. Es ist gerechte Strafe, ich weiß es aber es ist fürchterlich. Meine lieben, lieben Kinder. Ich glaube ich werde sie nie wieder sehen. Sag ihnen nichts gar zu Schlechtes. Denke(,) wie ich sie geliebt habe und jetzt bin ich halb wahnsinnig von Schmerz über ihren Verlust. Und du! Was du mir bist weiß ich nun ganz. Leider, leider zu spät. […] Ein bisserl Liebe noch für mich. Das kleinste bisserl das noch geblieben ist und ich werde zufrieden sein. Ich habe nur noch eine Hoffnung, daß ich nicht lange mehr leben werde. […] Dich hab ich sehr unglücklich gemacht, aber mich tausendmal mehr.“

Arnold antwortet sofort und Mathilde schreibt zurück: „[…] Ich bin im Ganzen jetzt etwas ruhiger. So lange ich Hoffnung gehabt habe auf Besserung habe ich geweint, nun hab ich keine mehr und bin ruhig. Meine Adresse werde ich dir nicht sagen. […] Weißt du daß man so unglücklich sein kann ohne zu sterben habe ich mir nie vorstellen können. Ich werde täglich aufs Postamt schicken, schreib mir bitte mein Lieber. Küsse die Kinder von mir und sie sollen mich nicht ganz vergessen.“

Trotz allem will Schönberg sie unbedingt zurückhaben und findet, möglicherweise mithilfe polizeilicher Ermittlungen, nach drei Tagen die Adresse ihrer Pension heraus. Am 30. August kehrt Mathilde in ihr Elternhaus in der Liechtensteinstraße zurück. 

Nun ist Richard Gerstl allein. Er kehrt in die Wohnung seiner Familie in der Nußdorferstraße zurück und malt unter anderem sein wohl erstaunlichstes „Selbstbildnis (Akt in ganzer Figur)“, ein Ausdruck seiner sexuellen Frustration über den Verlust der Frau, die er liebt, datiert auf den 12. September 1908 und die unheimliche blaue Aura vielleicht ein Verweis auf sein blaues Selbstporträt von 1902. Seine Beine sind jedoch überproportinal lang, wodurch sein Geschlecht, das in einem dunkleren Farbton als den Rest seines blassen Oberkörpers gehalten ist, in die Mitte der Leinwand rückt.

Selbstbildnis (Akt in ganzer Figur), 1908

Mathildes Liaison mit Gerstl scheint jedoch weiter zu gehen. Im Oktober bezieht der inzwischen von allen Freunden aus dem Schönberg-Kreis geächtet und aus der Akademie ausgeschlossene Maler ein Dachatelier in der Liechtensteinstraße 20, mit Blick auf Freuds Haus in der Berggasse, wo all die potenziellen Selbstmörder auf der Couch sitzen, und nur einen Kilometer von der Wohnung der Schönbergs entfernt. Hier besucht Mathilde ihn und er malt einen „Sitzenden Frauenakt“ mit unkenntlich gemachtem Gesicht, der sehr wahrscheinlich sie darstellt. 

Akt, vermutlich Mathilde, 1908

Doch schließlich überredet Schönbergs Schüler und Gerstls Freund Anton von Webern Mathilde dazu, Gerstl „den Kindern zuliebe“ endgültig zu verlassen. Das passiert zeitgleich mit dem demonstrativen Ausschluss ihres Geliebten von einem Nachmittagskonzert mit Werken von Schönbergs Schülern am 4. November. Der gerade erst 25 Jahre alt gewordene Gerstl ist nun völlig isoliert – hat die Frau verloren, die er liebt, ihren Mann, den er verehrt, alle seine Freunde – und offenbar so verzweifelt, dass er noch am selben Nachmittag den Großteil der Bilder in seinem Atelier vernichtet, sich ein Messer in den Bauch rammt und sich anschließend vor dem Spiegel aufhängt. Sein Arzt, Otto Paul Gerber, gibt als Todesursache „Unzurechnungsfähigkeit“ an, so dass Gerstl drei Tage später in Sievering katholisch bestattet werden kann.

„Unzurechnungsfähigkeit“

Mathilde geht nicht zur Beerdigung ihres Geliebten. Sie ist am Boden zerstört und will Richards Eltern ihren Anblick nicht zumuten, wie sie seinem Bruder Alois am Tag vor dem „Leichenbegängnis“ schreibt. Nach der Beerdigung schreibt sie ihm noch einmal: „[…]  Ich hätte Sie riesig gerne selbst gesprochen, bin aber durch das Furchtbare so elend und herunter, daß es mir unmöglich war. […]  Ich möchte Sie nun bitten, falls Sie in Richard’s Atelier Sachen finden, von denen Sie vermuten(,) daß sie mir gehören, sie einfach zu vernichten. Bitte mir nichts zu senden, es ist mir alles so furchtbar schmerzlich, daß mich an dieses traurigste Unglück erinnert. – Glauben Sie mir, Richard hat von uns beiden den leichteren Weg gewählt. Leben zu müssen in so einem Fall ist schrecklich schwer. …“

Mathilde an Alois Gerstl

Noch am selben Tag schreibt auch Arnold Schönberg an Alois Gerstl, er schwimmt in Selbstmitleid und sorgt sich um seinen Ruf:
Sehr geehrter Herr, ich weiß nicht ob ich das Recht habe, an Sie eine Bitte zu richten; aber ich denke, mir, der doch an der ganzen Sache unschuldig ist, und darunter gelitten hat und weiter leidet, werden Sie sie vielleicht doch nicht abschlagen.
Ich befürchte nämlich, daß vielleicht, wenn man die wahre Ursache des Todes Ihres armen Bruders erfährt, die Zeitungen mit Rücksicht auf meine Stellung in der Oeffentlichkeit ihrer Sensationslust die Zügel werden schießen lassen um in mehr oder weniger deutlicher Weise mich den unschuldig daran betheiligten lächerlich zu machen. Sie werden das wohl selbst nicht wollen, Ihr Bruder hätte es auch nicht gewollt! Und selbst wenn ich mich darüber hinwegsetzte! Mein Gott, ich habe mich in der letzten Zeit über vieles hinwegsetzen müssen, es ginge das wohl auch noch! Aber meiner Frau zuliebe sollten Sie das doch vermeiden, ich meine das hätte auch Ihr Bruder gewünscht!
Vielleicht ist es Ihnen möglich etwa Kränkung über Mißerfolge als Grund anzugeben.
hnen ist damit nicht gedient, wenn mir geschadet wird; und es handelt sich ja doch nur darum irgend etwas anzugeben, das Sensationen verhindert. Ich hoffe sicher, daß Sie mir diese Rücksicht erweisen und danke Ihnen im Voraus dafür
hochachtungsvoll
Arnold Schönberg

Arnold Schönberg an Alois Gerstl

Offenbar ist Alois Gerstl der Bitte nachgekommen. Die Schönbergs haben weiter eine „Vernunftehe“ geführt bis zu Mathildes Tod 1923 (zehn Monate später heiratete er die 23 Jahre jüngere Gertrud Kolisch). Mathildes Beziehung zu Richard Gerstl ist erst nach dem Tod von Arnold Schönberg öffentlich geworden. Seitdem ist sie Gegenstand vieler Spekulationen, vor allem, weil die tragischen Geschehnisse paradoxerweise ein Segen für die Musikgeschichte waren. Ob Schönberg seine Emotionen bezüglich der Affäre in seinem zweiten Streichquartett verarbeitet hat und sie auch der Auslöser für seinen Sprung zur Atonalität gewesen ist, sei dahingestellt (als er die beiden erwischt hat, war das Werk schon drei Wochen fertig; er hat lediglich die ursprüngliche Widmung in ein möglicherweise sarkastisch gemeintes „Meine Frau“ ersetzt). Ganz sicher aber hat er seine Gefühle nach Gerstls Tod in Noten umgesetzt, so in „Erwartung“ op. 17 (1909) und in „Die glückliche Hand“ op. 18 (1910ff). Doch auch für andere war Mathilde zu einer Muse oder katalytischen Kraft geworden. Alban Berg hat die tragische Liebe in seinem Kammerkonzert von 1925 (vielleicht auch in „Wozzeck“) und Alexander Zemlinsky in seiner Oper „Eine florentinische Tragödie“ (1917) und im zweiten und dritten Streichquartett (1918/1924) verarbeitet. 

Schön wäre es, diese Werke einmal im Zusammenhang mit Richard Gerstls Bildern hören und sehen zu können.

Ein Kommentar zu „Der Sommer 1908

Hinterlasse einen Kommentar